Thelema ist eine esoterische Religion und zugleich eine philosophisch-magische Weltanschauung des 20. Jahrhunderts, die untrennbar mit dem Namen Aleister Crowley verbunden ist. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass jeder Mensch einen „Wahren Willen“ besitzt – eine tiefere, eigentliche Lebensaufgabe, die über Launen, spontane Wünsche und bloßen Egoismus hinausgeht. Dieser Wahre Wille soll erkannt, bejaht und verwirklicht werden. Die berühmteste Formel, mit der Crowley diesen Ansatz zusammenfasste, lautet: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law. Love is the law, love under will.“ Der Mensch ist nach thelemischer Auffassung gewissermaßen ein „Stern“, der seine eigene Bahn hat und diese Bahn möglichst klar, ungestört und in Harmonie mit anderen Sternen finden und verfolgen soll.
Thelema verbindet Elemente der westlichen Ritualmagie, der christlich-jüdischen Mystik, der Kabbala, der Alchemie und der Rosenkreuzertradition mit Einflüssen aus Yoga, Tantra und östlicher Meditationspraxis. Religionswissenschaftlich wird Thelema heute als neue religiöse Bewegung im Feld der westlichen Esoterik eingeordnet, die stark von der Kultur der Moderne und ihrer Betonung von Individualität und Selbstverwirklichung geprägt ist.
Herkunft des Begriffs und frühere Spuren
Das Wort „Thelema“ geht auf das griechische theleme zurück und bedeutet „Wille“, „Wunsch“ oder „Absicht“. In der antiken griechischsprachigen Bibel, der Septuaginta, bezeichnet es überwiegend den Willen Gottes, manchmal auch den des Menschen. Später taucht der Begriff in der europäischen Literatur auf, besonders prominent bei François Rabelais. In seinem Werk „Gargantua“ entwirft er die fiktive „Abbaye de Thélème“, ein Gegenkloster zu den realen, streng reglementierten Klöstern seiner Zeit. Deren einziges „Gesetz“ lautet: „Fais ce que voudras“ – „Tu, was du willst.“ Rabelais formuliert damit ein humanistisches Ideal freier, gebildeter Menschen, noch keine okkulte Religion. Crowley knüpft bewusst an diesen Begriff an, macht aus ihm aber ein eigenständiges, komplexes religiöses System.
Aleister Crowley und das „Buch des Gesetzes“
Die Entstehung Thelemas als Religion ist unmittelbar mit Aleister Crowley (1875–1947) verbunden, einem britischen Okkultisten und früheren Mitglied des Hermetic Order of the Golden Dawn. 1904 hielt Crowley sich mit seiner Frau Rose in Kairo auf. Nach seiner eigenen Darstellung empfing er dort an drei Tagen im April 1904 ein diktiertes Buch von einer nicht-körperlichen Intelligenz namens Aiwass. Dieses Werk trägt den Titel „Liber AL vel Legis“, das „Buch des Gesetzes“.
In diesem Text werden der Menschheit ein neues religiöses Zeitalter und eine neue Grundnorm verkündet. Die Menschheit sei dabei, in das „Aeon des Horus“ einzutreten, in dem nicht mehr Selbstverleugnung, Sündenbewusstsein und Gehorsam gegenüber äußeren Autoritäten im Vordergrund stehen, sondern Erkenntnis und Verwirklichung des eigenen Wahren Willens. „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“ wird zur zentralen Maxime, ergänzt durch den Satz „Love is the law, love under will“. Crowley erklärt dieses Buch zur geoffenbarten Heiligen Schrift eines neuen Zeitalters und entwickelt im Laufe seines Lebens aus ihm eine umfassende Religion mit eigenen heiligen Texten, Ritualen, Festtagen und Ordensstrukturen.
Der „Wahre Wille“ und die Grundformeln Thelemas
Die Idee des Wahren Willens bildet das Herzstück der thelemischen Lehre. Gemeint ist nicht einfach das, was ein Mensch gerade möchte, sondern eine tiefere Richtung des Lebens, die seiner Eigenart, seinen Begabungen und seiner Stellung im Gefüge der Welt entspricht. Der Wahre Wille ist dabei weder bloß subjektive Laune noch von außen auferlegte Pflicht, sondern etwas, das entdeckt, geprüft und dann entschlossen gelebt werden soll. Crowley verknüpft dieses Konzept mit Vorstellungen wie dem „Holy Guardian Angel“, dem Heiligen Schutzengel, der als personifizierter innerer Führer oder „Daimon“ verstanden werden kann, sowie mit der „Großen Arbeit“, der langfristigen spirituellen Transformation hin zur Erkenntnis dieses Wahren Willens.
Drei Sätze aus dem „Buch des Gesetzes“ werden oft als zentrale Verdichtung der Lehre verstanden: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law.“ – „Love is the law, love under will.“ – „Every man and every woman is a star.“ Der Mensch ist demnach wie ein Stern mit eigener Bahn; die Aufgabe des spirituellen Weges ist es, diese Bahn zu finden und in Freiheit und Verantwortung zu gehen. In der griechischen Zahlenmystik haben sowohl „Thelema“ (Wille) als auch „Agape“ (Liebe) denselben Zahlenwert 93, weshalb Thelemiten die Zahl 93 als Grußformel verwenden und Liebe und Willen als zwei Seiten derselben Grundbewegung verstehen.
Götterbilder, Mythologie und Aeonenlehre
Die Mythologie Thelemas greift vor allem auf ägyptische Göttergestalten zurück, denen im „Buch des Gesetzes“ zentrale Rollen zukommen. Nuit, die Göttin des Sternenhimmels, steht für unendlichen Raum, alle Möglichkeiten und das All-Umfassende. Hadit, ihr Gegenpol, verkörpert den unendlich kleinen Mittelpunkt, Bewegung, Erfahrung und das „Feuer“ der individuellen Bewusstheit. Ra-Hoor-Khuit, eine Form des Gottes Horus, repräsentiert das aktive, solare, kämpferische Prinzip des neuen Zeitalters. Später treten auch Gestalten wie Babalon oder Therion hinzu, die in Symbolik, Ritualen und magischer Praxis eine wichtige Rolle spielen. Sie können von Thelemiten sowohl als reale Götter als auch als archetypische oder kosmologische Prinzipien verstanden werden, abhängig von der jeweiligen theologischen Deutung.
Eng mit dieser Mythologie verknüpft ist Crowleys Lehre von den Aeonen, den großen Weltzeitaltern. Er spricht vom Aeon der Isis als einer Epoche naturverbundener, oft göttinnenzentrierter Religionen; vom Aeon des Osiris als Zeitalter der sterbenden und auferstehenden Gottessöhne und der „Vaterreligionen“ wie Christentum und Islam; und vom nun anbrechenden Aeon des Horus, in dem das „Kind“ im Vordergrund steht – das autonome, selbstverantwortliche Individuum, das seine eigene göttliche Natur und seinen Wahren Willen erkennt.
Praxis: Ritual, Magick und Alltag
Thelema ist nicht nur eine Theorie des Willens, sondern eine gelebte Praxis, die Crowley unter dem Begriff „Magick“ systematisiert. Er definiert Magick als die Wissenschaft und Kunst, Veränderungen im Einklang mit dem Willen hervorzurufen. Ziel magischer Praxis ist es letztlich, den Wahren Willen zu erkennen und ihm den Weg zu bereiten, indem Hindernisse – innere und äußere – aufgearbeitet und transformiert werden.
Zur Praxis gehören rituelle Handlungen, Gebete, Invokationen und Zeremonien, von denen einige aus dem Umfeld des Golden Dawn stammen, andere von Crowley neu gestaltet wurden. Täglich wiederholte Rituale können dazu dienen, das Bewusstsein zu schulen, den eigenen Platz im Kosmos zu meditieren und sich innerlich zu reinigen oder zu stärken. Crowley integrierte außerdem Elemente aus Yoga und Meditation, etwa Körperhaltungen, Atemübungen und Konzentrationstechniken, die helfen sollen, den Geist zu fokussieren und Selbstbeobachtung zu vertiefen.
Eine besondere Rolle spielt in Thelema die Sexualmagie. Sexualität gilt hier als starke, heilige Kraft, deren bewusster Einsatz in rituellen Kontexten zur spirituellen und magischen Arbeit beitragen kann. In höheren Graden bestimmter Orden werden entsprechende Techniken gelehrt, die zugleich stark kontrovers diskutiert werden. Crowley formte zudem liturgische Texte wie die Gnostische Messe, eine Art Hochamt Thelemas mit Anklängen an christliche Liturgien, jedoch mit deutlich anderen Inhalten und Symbolen. Viele Praktizierende führen ein magisches Tagebuch, in dem sie Rituale, Träume und Erfahrungen festhalten, um ihre Praxis systematisch zu reflektieren und kritisch zu prüfen.
Orden, Kirchen und lose Netzwerke
Thelema ist keine streng zentral organisierte Weltreligion, sondern ein Geflecht aus Orden, Gruppen und Einzelpraktizierenden. Crowley selbst begründete oder reformierte mehrere Organisationen. Die A∴A∴ (Argentum Astrum) ist ein initiatorischer Orden mit abgestuften Graden, der stark auf individuelle Schulung und Selbstarbeit ausgerichtet ist. Der Ordo Templi Orientis (O.T.O.), ursprünglich ein freimaurerisch inspirierter Geheimbund, nahm in den 1920er-Jahren das „Buch des Gesetzes“ als zentrale Schrift an und entwickelte sich zur wichtigsten thelemischen Organisation des 20. Jahrhunderts. Innerhalb des O.T.O. fungiert die Ecclesia Gnostica Catholica als kirchliche Struktur, in der insbesondere die Gnostische Messe als Sakramentenliturgie gefeiert wird.
Neben diesen größeren Strukturen existieren unabhängige thelemische Tempel, Studienzirkel und kleine Gruppen, ebenso wie Menschen, die Thelema ganz ohne institutionelle Anbindung praktizieren. Die Bandbreite reicht von stark rituell-magisch ausgerichteten Kreisen bis hin zu eher philosophisch orientierten Einzelnen, die Thelema vor allem als Symbolsystem für persönliche Freiheit und Sinnsuche verstehen.
Thelema in der Gegenwart
In der heutigen Religionslandschaft wird Thelema von der Forschung als typische neue religiöse Bewegung verortet, in der sich Individualisierung, Synkretismus und die Suche nach eigener spiritueller Autorität bündeln. Viele Thelemiten sind nicht exklusiv, sondern verbinden den thelemischen Weg mit anderen Traditionen, etwa mit Wicca, Formen des modernen Satanismus, Gnostizismus oder östlichen Philosophien. Götter und religiöse Inhalte werden dabei häufig symbolisch, psychologisch oder archetypisch gedeutet, während andere Thelemiten klar polytheistische Überzeugungen vertreten.
Thelema hat deutliche Spuren in der esoterischen Szene des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Es beeinflusste die Ritualmagie des späten 20. Jahrhunderts, Teile der Chaos-Magick-Bewegung und Elemente der Gegenkultur, von Rockmusik über Comics bis hin zu okkulten Subkulturen. Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler betonen, dass Thelema mit seiner radikalen Betonung von Freiheitsrechten, Selbstentfaltung und subjektiver Erfahrung ein typisches Kind der Moderne ist – mit all ihren Ambivalenzen.
Missverständnisse und Kritik
Von außen wird Thelema häufig als Einladung zu zügellosem Egoismus missverstanden. Die Formel „Do what thou wilt“ scheint leicht als „mach, was du willst“ im trivialen Sinn gelesen zu werden. Thelemiten und viele Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass der Begriff des Wahren Willens gerade gegen kurzfristige Launen gerichtet ist. Wer seinen Wahren Willen ernst nimmt, steht vor der Aufgabe, unbewusste Motive, Ängste, äußeren Druck und bloße Gewohnheiten zu durchschauen und zu überwinden. Der thelemische Weg ist insofern eher asketisch, diszipliniert und selbstkritisch als hedonistisch im einfachen Sinn.
Kontrovers ist Thelema dennoch. Crowleys bewusste Selbstinszenierung als „Great Beast 666“, sein Drogenkonsum und seine Lust an Provokation trugen dazu bei, dass er bis heute als Skandalfigur gilt. In seinen Schriften finden sich rassistische, sexistische und elitäre Passagen, die aus heutiger Sicht problematisch sind und von vielen modernen Thelemiten entweder kontextualisiert oder offen abgelehnt werden. Zudem gibt es Spannungen zwischen dem Ideal radikaler Selbstbestimmung und den realen Machtstrukturen innerhalb mancher Orden oder Gruppen. Wie in vielen religiösen Bewegungen stehen hier Anspruch und Wirklichkeit nicht immer im Einklang.
Trotz dieser Schwierigkeiten gilt Thelema als eine der einflussreichsten esoterischen Religionen des 20. Jahrhunderts. Es hat das moderne Verständnis von Ritualmagie, Individualreligion und okkulter Praxis nachhaltig geprägt und bietet – jenseits von Mythos und Skandal – ein anspruchsvolles, aber ambivalentes Modell von Freiheit, Verantwortung und spirituellem Weg im Zeichen des „Wahren Willens“.
Autor/in
Gudrun Pannier / Pantheon e.V.