1. Einleitung
Das sogenannte evolutionistische Religionsmodell gehört zu den prägenden Denkfiguren des 19. Jahrhunderts. Es entwirft die Vorstellung, Religionen verliefen auf einer einheitlichen Entwicklungslinie: vom „primitiven Animismus“ über Polytheismus hin zum Monotheismus – und schließlich in den modernen Atheismus oder die Wissenschaft. Dieses Modell hat die frühe Religionswissenschaft, Missionspraxis und koloniale Herrschaft gleichermaßen geprägt. Doch schon früh wurde es kritisiert und gilt heute als überholt. Der folgende Aufsatz zeichnet Entstehung, Funktion und Kritik dieses Modells nach.
2. Entstehung und Grundannahmen
Der britische Anthropologe Edward B. Tylor beschrieb in seinem Werk Primitive Culture (1871) den Animismus als „älteste“ Form der Religion. James George Frazer entwarf in The Golden Bough (1890–1915) das Stufenmodell „Magie → Religion → Wissenschaft“. Auguste Comte hatte zuvor in seiner „Drei-Stadien-Lehre“ (1830) eine universale Abfolge von „theologisch → metaphysisch → positivistisch“ behauptet.
Allen Ansätzen gemeinsam war die Vorstellung eines unilinearen Fortschritts: Menschheit und Religion entwickeln sich auf einer Leiter, deren Endpunkt die europäische Moderne sei. Monotheismus galt als „höchste“ Stufe, von der aus der Übergang zum säkularen Atheismus und zur Wissenschaft fast selbstverständlich erschien.
3. Abwertung indigener Religionen
Das Modell ging mit einer massiven Abwertung einher. Indigene Religionen und vorchristliche Traditionen wurden als „primitive Überbleibsel“ eines kindlich-dummen Menschheitszustandes beschrieben. Die Sprache Tylors und Frazers ist durchsetzt von Begriffen wie „savage“ oder „barbaric“. So entstand ein Bild, das die eigenen Vorfahren als „unvernünftig“ und nicht-europäische Völker als „zurückgeblieben“ klassifizierte.
Diese Abwertung erfüllte eine doppelte Funktion: Sie bestätigte den europäischen Monotheismus als „fortschrittlich“ und rechtfertigte zugleich koloniale Überlegenheitsansprüche.
4. Ein koloniales Machtinstrument
Die Forschung hat gezeigt, dass das evolutionistische Modell nicht neutral war, sondern im Kontext westlich-kolonialistischer Herrschaft entstand und eingesetzt wurde.
Mission
Christliche Missionen nutzten die Theorie, um „primitiven Religionen“ ihre Legitimität abzusprechen und deren Ablösung durch den „höheren“ Monotheismus als historische Notwendigkeit zu rechtfertigen.
Koloniale Verwaltung
In Afrika, Indien oder Ozeanien wurden Rituale, Opfer oder religiöse Ämter als „heidnisch“ kriminalisiert. David Chidester (1996) hat gezeigt, wie Religionskategorien als Verwaltungs- und Kontrollinstrument eingesetzt wurden.
Diskursive Macht
Talal Asad (1993) zeigte, dass der Religionsbegriff selbst im europäischen Kontext entstand und in kolonialen Verhältnissen zur Abwertung und Disziplinierung anderer Glaubensformen diente. Tomoko Masuzawa (2005) wies nach, wie die Konstruktion der „Weltreligionen“ das Christentum zur Norm erhob und viele Traditionen zu „Volksglauben“ degradierte.
Das evolutionistische Modell stellte sicher, dass der Westen sich selbst an der Spitze einer angeblich universalen Entwicklung sehen konnte.
5. Die Fortschrittslinie zum Atheismus
Besonders bei Comte und Frazer zeigt sich eine weitere ideologische Stoßrichtung: Der Monotheismus erschien nicht als Endpunkt, sondern als Durchgangsstadium hin zur wissenschaftlichen Weltdeutung. Damit wurde eine direkte Linie vom Monotheismus zum Atheismus gezogen. Auch hier zeigt sich, dass das Modell nicht nur kolonialen, sondern auch inner-europäischen Zwecken diente: die Überwindung von Religion durch die moderne Wissenschaft zu legitimieren.
6. Warum das Modell der Realität nicht entspricht
6.1 Gleichzeitigkeit statt Stufen
Religionsgeschichte zeigt Pluralität, nicht Stufengang. Im Römischen Reich existierten Polytheismus, Ahnenkulte, Philosophie und Mysterien nebeneinander (Rüpke 2018). Auch im Alten Orient oder in Ostasien finden sich parallele Systeme.
6.2 Monotheismus als Ausnahme
Jan Assmann (2003, 2010) hat betont, dass der Monotheismus historisch eine seltene Ausnahme darstellt. Seine Durchsetzung geschah nicht durch „natürliche“ Evolution, sondern durch politische Macht, Mission und Exklusivanspruch – oft begleitet von Gewalt.
6.3 Kritik seit dem 19. Jahrhundert
Schon Franz Boas (1896) kritisierte die unilineare Entwicklungsvorstellung. E. E. Evans-Pritchard (1965) zeigte, dass „primitives Denken“ in sich rational ist. Jonathan Z. Smith (2004) und Peter Harrison (2015) verdeutlichten, dass Kategorien wie „Religion“ und „Wissenschaft“ moderne Konstruktionen sind – das evolutionistische Modell beruht also selbst auf fragwürdigen Begriffen.
6.4 Alternative Ansätze
Robert N. Bellah (2011) entwarf eine religionsgeschichtliche Perspektive, die unterschiedliche Entwicklungen nebeneinander betrachtet: Israel, Griechenland, Indien und China zeigen je eigene Pfade. Damit tritt an die Stelle einer linearen Leiter eine Landkarte vielfältiger Entwicklungen.
7. Fazit
Das evolutionistische Religionsmodell war mehr als ein wissenschaftliches Deutungsmuster – es war ein Machtinstrument. Es diente dazu, indigene Religionen abzuwerten, Kolonialismus zu legitimieren, den christlichen Monotheismus zur Norm zu erklären und schließlich den Atheismus als zwangsläufige Endstufe erscheinen zu lassen.
Die Realität religiöser Geschichte widerspricht dem jedoch: Animismus, Polytheismus und Monotheismus existierten und existieren gleichzeitig. Monotheismus ist die Ausnahme, nicht die Regel – und seine Durchsetzung geschah über Macht und nicht über natürliche Entwicklung. Das evolutionistische Modell ist daher keine empirische Beschreibung, sondern Ausdruck kolonialer Ideologie.
Literatur
Asad, Talal: Genealogies of Religion. Baltimore: Johns Hopkins Univ. Press, 1993.
Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung. München: Hanser, 2003.
Assmann, Jan: The Price of Monotheism. Stanford: Stanford Univ. Press, 2010.
Bellah, Robert N.: Religion in Human Evolution. Harvard Univ. Press, 2011.
Boas, Franz: „The Limitations of the Comparative Method of Anthropology.“ Science 4 (1896).
Chidester, David: Savage Systems. Charlottesville: Univ. of Virginia Press, 1996.
Comte, Auguste: Cours de philosophie positive. Paris, 1830.
Evans-Pritchard, E. E.: Theories of Primitive Religion. Oxford: Clarendon Press, 1965.
Frazer, James G.: The Golden Bough. London: Macmillan, 1890–1915 (1922).
Harrison, Peter: The Territories of Science and Religion. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2015.
Masuzawa, Tomoko: The Invention of World Religions. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2005.
Rüpke, Jörg: Pantheon. A New History of Roman Religion. Princeton: Princeton Univ. Press, 2018.
Smith, Jonathan Z.: „Religion, Religions, Religious.“ In: Relating Religion. Chicago: Univ. of Chicago Press, 2004.
Tylor, Edward B.: Primitive Culture. London: 1871.
Autor/in
Gudrun Pannier / Pantheon e.V.