Verehrung und Anbetung – ein paganer Blick auf den Unterschied
Verehrung und Anbetung werden im Alltag oft durcheinandergeworfen, sind aber in ihrer inneren Logik grundverschieden. Wenn pagane Religionen sagen, sie ehren Natur, Ahnen oder bestimmte Gottheiten, dann meinen sie gerade nicht jene Form der Unterwerfung, die in vielen monotheistischen Traditionen mit „Anbetung“ verbunden ist. Es geht um eine Haltung der Anerkennung und des Lernens, nicht um das Aufgeben der eigenen Urteilskraft.
Anbetung: das Absolute, das alles beansprucht
Anbetung ist in streng monotheistischen Systemen an einen absoluten Anspruch gebunden. Sie richtet sich auf ein letztes, göttliches Gegenüber, das als Ursprung und Ziel allen Seins verstanden wird. Dieses Gegenüber gilt als allmächtig, allwissend, als Quelle aller Wahrheit und alles Guten. Die klassische Anbetungshaltung verbindet sich mit vorbehaltloser Hingabe, totalem Vertrauen und letztlich auch mit Gehorsam. Wer anbetet, überantwortet sich einem einzigen höchsten Prinzip, ordnet ihm das eigene Leben unter und akzeptiert, dass dieses Prinzip nicht relativiert oder kritisiert werden darf. Gerade in solchen Kontexten erscheint jede andere Form von Kult, Opfern oder Ritualen schnell als Konkurrenz: Wenn es nur einen absolut anbetungswürdigen Gott geben darf, geraten andere Formen des Umgangs mit Heiligen, Ahnen, Naturkräften oder Gottheiten automatisch in den Verdacht des „Götzendienstes“.
Verehrung: Respekt, Dankbarkeit und Lernen
Verehrung folgt einer anderen Logik. Sie richtet sich auf Wesen und Kräfte, die als begrenzt verstanden werden, die aber unser Leben prägen und tragen. Man kann Ahnen verehren, weil man anerkennt, dass das eigene Dasein aus ihren Leben hervorgegangen ist. Man kann eine Göttin oder einen Gott verehren, weil man in ihrer Gestalt Erfahrungen von Mut, Weisheit, Fruchtbarkeit oder Zerstörungskraft wiedererkennt und daran wachsen will. Man kann Lehrerinnen, Dichter, Philosophinnen und Aktivisten verehren, weil sie Zugänge eröffnet haben, die man allein nicht gefunden hätte. Doch all diese Formen von Ehrung setzen das eigene kritische Bewusstsein nicht außer Kraft. Wer verehrt, anerkennt: Ich habe etwas empfangen, ich bin nicht aus mir selbst heraus alles. Aber ich bleibe verantwortlich dafür, wie ich mit diesem Erbe umgehe.
Verehrung bedeutet darum nicht, jemanden oder etwas über jede Kritik zu erheben. Im Gegenteil: Wer wirklich ehrt, sieht gerade auch die Begrenzungen und Schattenseiten. Man kann eine große Denkerin hochschätzen und zugleich klar benennen, wo sie geirrt hat. Man kann einen spirituellen Lehrer dankbar ehren und trotzdem sehen, dass er in seinem persönlichen Leben falsche Entscheidungen getroffen hat. Echte Ehrung schließt die Fähigkeit ein, aus beidem zu lernen: aus der Größe und aus dem Irrtum.
Ehrung als „Quellenangabe“
Ein treffendes Bild für diese Haltung lautet: Ehrung ist so etwas wie die Quellenangabe unseres Lebens. In der Wissenschaft ist es unsauber, alles als eigene Leistung auszugeben. Man gibt an, worauf man sich stützt, aus welchen Texten, Forschungen und Denktraditionen man schöpft. Ganz ähnlich funktioniert Verehrung im spirituellen und religiösen Bereich. Sie ist ein bewusstes Eingeständnis: Ich verdanke mich anderen Menschen, Kräften, Gottheiten, Traditionen, Landschaften. Ohne sie wäre ich nicht, wer ich bin. Indem ich sie ehre, verweigere ich mich der Illusion, ein reines Produkt meines eigenen Ichs zu sein.
Gerade deshalb gehört zur Ehrung aber auch die Verantwortung, die eigenen Quellen ehrlich anzusehen. Ich kann Ahnen verehren und zugleich anerkennen, dass sie in ihrem Leben Dinge getan haben, die ich nicht wiederholen will. Ich kann eine Gottheit verehren und trotzdem fragen, wie ihre Mythen auf mich heute wirken, welche Aspekte für meine Ethik tragfähig sind und welche ich nicht in mein Leben holen möchte. Wer Ehrung als Quellenangabe versteht, beugt gerade jener unkritischen Verklärung vor, die zuerst Menschen und Mächte auf einen Sockel stellt und sie dann in derselben Absolutheit wieder verdammt, sobald ihre Unvollkommenheit sichtbar wird.
Natur ehren ohne Romantisierung
Das lässt sich gut am Beispiel der Natur zeigen. Pagane Religionen verstehen Natur oft als heilig, als durchdrungen von Würde und Eigenwert. Das bedeutet aber nicht, Naturgewalten passiv hinzunehmen oder sich selbst aufzugeben. Eine Flutwelle einfach über sich ergehen zu lassen, wäre keine „ehrende Hingabe“, sondern fatalistische Selbstaufgabe. Kälte nicht mit Feuer zu beantworten, weil man „nicht in die Natur eingreifen“ wolle, hieße, zu vergessen, dass auch menschliche Kultur Teil der Natur ist. Natur zu ehren, bedeutet, ihre Macht und Eigendynamik anzuerkennen, aber gerade deshalb Verantwortung zu übernehmen für die eigene Art, mit ihr zu leben.
Zur Ehrung der Natur gehört auch das Bewusstsein, dass wir Leben nehmen, um leben zu können. Das gilt für Tiere ebenso wie für Pflanzen, die keine seelenlosen Objekte sind, sondern empfindungsfähige, verletzbare Lebewesen in komplexen Zusammenhängen. Verehrung der Natur heißt dann: Ich nehme nicht einfach, als stünde mir alles grenzenlos zu, sondern ich versuche, in Achtsamkeit, Maß und Gegenseitigkeit zu leben. Ich schütze mich vor Kälte und Hunger, ich baue Häuser, ich nutze Feuer – aber ich vergesse nicht, dass alles, was ich mir aneigne, anderen Lebewesen fehlt. Naturverehrung ist so gesehen eine Haltung des Respekts und der Verantwortung, nicht der romantischen Verklärung.
Lehrende ehren und aus ihren Fehlern lernen
Ähnlich verhält es sich mit Menschen, von denen wir lernen. Von wem man etwas lernt – im Guten wie im Schlechten – der verdient eine Form der Ehrung. Das kann eine Lehrerin sein, die uns ein Fach erschlossen hat, ein Autor, der unsere Gedanken erweitert hat, eine Aktivistin, die uns Mut gemacht hat, für eine Sache einzustehen, oder ein spiritueller Lehrer, der uns auf einen inneren Weg gebracht hat. Sie zu ehren, heißt anzuerkennen, dass wir von ihnen geprägt wurden.
Gleichzeitig gehören auch ihre Irrtümer und Verfehlungen in den Blick. Wenn wir aus den Fehlern anderer nicht lernen dürfen, wird Lernen überhaupt unmöglich. Dann bleiben nur zwei extreme Optionen: totale Idealisierung oder vollständige Ablehnung. Gerade im religiösen Bereich ist dieses Muster oft zu beobachten: Menschen werden zu nahezu unfehlbaren Vorbildern überhöht, bis ihre Schattenseiten nicht mehr zu übersehen sind – dann schlägt Bewunderung in bittere Verdammung um. Eine reife Kultur der Ehrung versucht, diesen Pendelschlag zu vermeiden. Sie erlaubt, dass jemand für bestimmte Einsichten, Taten oder Haltungen geehrt wird und gleichzeitig für anderes kritisiert werden darf. So entstehen keine Götzenbilder, sondern lebendige Vorbilder, von denen man lernen kann, ohne ihnen alles nachzumachen.
Pagane Religionen als Religionen der Verehrung
Von hier aus wird verständlich, warum viele pagane und polytheistische Religionen sich selbst eher als Religionen der Verehrung denn der Anbetung verstehen. Götter, Göttinnen, Ahnen, Naturgeister und heilige Orte werden als mächtig, ehrwürdig und oft als moralisch beispielhaft erfahren. Sie sind aber nicht zwangsläufig absolute, allwissende Wesen, die jede Kritik verbieten. Die Beziehung zu ihnen ist häufig wechselseitig und konkret: Man bringt Gaben, hält Versprechen, beachtet Tabus und erwartet im Gegenzug Schutz, Fruchtbarkeit, Inspiration oder Rat. Solche Beziehungen sind verbindlich und ernst, doch sie entsprechen eher einer feierlich verdichteten Form von Freundschaft, Bündnis und Verbundenheit als einem blinden Gehorsamsverhältnis.
Gerade in modernen paganen Strömungen wird betont, dass Ehrung immer auch Selbstverantwortung einschließt. Wer Natur, Ahnen und Gottheiten ehrt, gibt damit nicht die eigene Urteilskraft ab, sondern verortet sich bewusst in einem Netz von Beziehungen, in dem Lernen und Wachsen möglich sind. Anbetung im strengen Sinn dagegen, als Unterwerfung unter ein unantastbares Absolutes, spielt hier nur selten eine Rolle. Wo sie vorkommt, ist sie eher eine Option unter anderen als der unumstößliche Kern der Religion.
Fazit: Ehrung als erwachsene Haltung
Der Unterschied zwischen Verehrung und Anbetung ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Anbetung – zumindest in ihrem klassischen monotheistischen Verständnis – gehört einem letzten, absoluten Seinsgrund, dem man sich vorbehaltlos ausliefert. Sie ist exklusiv, total und duldet keine Relativierung. Verehrung hingegen ist eine erwachsene Form des Umgangs mit dem, was uns trägt und prägt: Sie anerkennt, dass wir von anderen Menschen, von Ahnen, von Natur und Gottheiten empfangen haben, sie sagt bewusst „Danke“ und gibt dem Ausdruck in Symbolen, Ritualen und Haltungen. Zugleich behält sie die Freiheit, kritisch zu prüfen, was aus diesen Quellen in unser Leben fließen soll und was nicht.
Pagane Religionen, die Natur, Ahnen und Lehrende ehren, ohne sie zu absolut zu machen, verkörpern diese Haltung auf eigene Weise. Ehrung ist hier weder naive Romantik noch subtile Selbstaufgabe, sondern eine Art gelebter Quellenangabe: ein Bekenntnis dazu, dass unser Ich in einem größeren Gefüge verankert ist – und dass wir verantwortlich bleiben dafür, wie wir mit diesem Gefüge umgehen.
Autor/in
Gudrun Pannier / Pantheon e.V.