Thelema (griech. „Wille“) ist eine esoterische Religion und philosophisch-magische Weltanschauung des 20. Jahrhunderts, die vor allem auf den britischen Okkultisten Aleister Crowley (1875–1947) zurückgeht. Im Zentrum steht die Idee, dass jeder Mensch einen „Wahren Willen“ besitzt, also eine tiefere, individuelle Lebensaufgabe, die erkannt und verwirklicht werden soll. Die Grundformel lautet: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law. Love is the law, love under will.“
Der Begriff „Thelema“ hat seine sprachlichen Wurzeln im Neugriechischen und der griechischen Bibeltradition, wurde aber in der Neuzeit insbesondere durch François Rabelais’ fiktive „Abbaye de Thélème“ bekannt, deren Motto „Fais ce que voudras“ Crowley bewusst aufgriff. Zur eigentlichen Religionsgründung kam es 1904, als Crowley in Kairo nach eigener Darstellung das geoffenbarte „Buch des Gesetzes“ („Liber AL vel Legis“) empfing, das den Beginn eines neuen Zeitalters, des „Aeon des Horus“, und die zentrale Autorität des Wahren Willens verkündet.
Lehrmäßig verbindet Thelema eine stark individualistische Ethik mit einer eigenen Mythologie, die vor allem ägyptische Gottheiten wie Nuit, Hadit und Ra-Hoor-Khuit symbolisch aufgreift. Der Mensch gilt „als Stern“ mit eigener Bahn; sittliche Orientierung besteht darin, diese Bahn des Wahren Willens zu erkennen und konsequent zu gehen. Thelema integriert Elemente westlicher Ritualmagie, Kabbala, Alchemie, rosenkreuzerischer Tradition sowie Yoga, Meditation und Sexualmagie, verstanden als Mittel zur spirituellen Transformation und zur Verwirklichung des Wahren Willens.
In der Praxis äußert sich Thelema in ritueller und magischer Arbeit, täglichen oder periodischen Zeremonien, meditativ-yogischen Übungen, der Führung magischer Tagebücher sowie liturgischen Formen wie der von Crowley verfassten Gnostischen Messe. Organisatorisch ist Thelema vor allem mit Orden wie der A.A. (Argentum Astrum), dem Ordo Templi Orientis (O.T.O.) und der Ecclesia Gnostica Catholica verbunden, daneben existieren zahlreiche unabhängige Gruppen und Einzelpraktizierende.
Religionswissenschaftlich wird Thelema als neue religiöse Bewegung der westlichen Esoterik verstanden, die Individualisierung, Synkretismus und Selbstverwirklichung in charakteristischer Weise verbindet.
Kontroversen ergeben sich aus Crowleys skandalträchtiger Biographie, problematischen Passagen seiner Schriften sowie dem Spannungsverhältnis zwischen radikaler Freiheit und realen Machtstrukturen in Orden. Gleichwohl gilt Thelema als eine der einflussreichsten esoterischen Strömungen des 20. Jahrhunderts, die das moderne Verständnis von Ritualmagie, Individualreligion und okkulter Praxis nachhaltig geprägt hat.