Schlagwort: Annwn

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    Annwn, auch Annwfn oder älter Annwfyn, bezeichnet in der mittelalterlichen walisischen Literatur einen übernatürlichen Bereich, der heute meist als Anderswelt bezeichnet wird. Der Ausdruck „Anderswelt“ ist allerdings eine moderne wissenschaftliche Sammelbezeichnung: Die mittelalterlichen Texte beschreiben Annwn nicht als geschlossenes Jenseitsreich mit einer einheitlichen Lehre. Auch die genaue Herkunft des Namens ist ungeklärt; Übersetzungen wie „Nichtwelt“, „Unterwelt“ oder „sehr tiefer Ort“ beruhen auf unterschiedlichen, teilweise umstrittenen Deutungen.

    Eine zentrale Quelle ist der erste Zweig des Mabinogi, Pwyll, Fürst von Dyfed. Dort begegnet Pwyll dem Herrscher Arawn, nachdem er dessen weißglänzende Jagdhunde mit roten Ohren von ihrer Beute vertrieben hat. Zur Wiedergutmachung nimmt Pwyll für ein Jahr und einen Tag Arawns Gestalt an und regiert dessen Reich. Annwn erscheint hier nicht als düsteres Totenreich, sondern als wohlhabender, höfisch organisierter Bereich, der neben der menschlichen Welt besteht und zeitweise betreten werden kann.

    Eine zweite bedeutende Quelle ist das mittelwalisische Gedicht Preiddeu Annwfn – „Die Beute von Annwn“ – aus dem Buch Taliesins. Es erzählt in rätselhafter Sprache von einer Fahrt König Artus’ zu verschiedenen übernatürlichen Festungen. Dort befindet sich unter anderem ein kostbarer Kessel, der durch den Atem von neun Jungfrauen erwärmt wird und keine Speise für Feiglinge kocht. Von Artus’ Gefährten kehren nur wenige zurück. Das Gedicht verbindet Annwn mit gefährlichen Grenzüberschreitungen, dichterischem Geheimwissen, Fülle und magischen Gegenständen. Seine genaue Entstehungszeit und Bedeutung bleiben in der Forschung umstritten.

    Annwn ist daher nicht einfach mit der christlichen Hölle gleichzusetzen. Je nach Text kann es als Reich übernatürlicher Herrscher, als Ort der Toten, als Feenwelt, als Insel oder als verborgener Bereich innerhalb beziehungsweise neben der sichtbaren Welt erscheinen. Zugänge können symbolisch mit Wäldern, Wasser, Hügeln, Nebel oder der Jagd verbunden sein. Spätere Überlieferungen brachten Annwn außerdem mit den Cŵn Annwn, den geisterhaften Hunden der Anderswelt, und mit Gestalten wie Gwyn ap Nudd in Verbindung. Die Grenzen zwischen vorchristlichen Motiven, mittelalterlicher Literatur und späterem Volksglauben lassen sich dabei nicht immer eindeutig bestimmen.

    In Teilen des modernen Druidentums und des walisisch oder britannisch geprägten Paganismus wird Annwn als spirituelle Anderswelt verstanden: als Bereich von Gottheiten, Ahnen, Naturwesen, Inspiration und innerer Verwandlung. Solche Deutungen knüpfen an mittelalterliche Motive an, bilden jedoch keine unverändert überlieferte vorchristliche Glaubenslehre. Annwn kann dabei wörtlich als eigenständige Wirklichkeit, symbolisch als seelischer Erfahrungsraum oder als poetisches Bild für die verborgenen Ebenen der Welt verstanden werden.