Hermetik bezeichnet eine vielgestaltige religiöse, philosophische und magische Tradition, die sich auf die unter dem Namen Hermes Trismegistos überlieferten Schriften beruft. Sie entstand nicht als geschlossenes Lehrsystem und wurde im Laufe ihrer Geschichte mehrfach grundlegend umgedeutet. Deshalb muss zwischen der antiken Hermetik, ihrer mittelalterlichen Überlieferung, dem christlichen Hermetismus der Renaissance und späteren okkultistischen Neuschöpfungen unterschieden werden.
Hermes Trismegistos und die antiken Hermetica
Hermes Trismegistos – „der dreimal größte Hermes“ – ist keine historische Einzelperson. Die Gestalt entstand im hellenistischen Ägypten aus der Verbindung des griechischen Gottes Hermes mit dem ägyptischen Gott Thot. Beide galten als Herren der Schrift, der Wissenschaft, der Weisheit und der Vermittlung zwischen göttlicher und menschlicher Welt.
Unter dem Namen des Hermes Trismegistos wurden zahlreiche Texte verbreitet. Die Forschung unterscheidet gewöhnlich zwischen den philosophisch-religiösen Hermetica und den sogenannten technischen Hermetica. Die philosophischen Texte behandeln die Entstehung des Kosmos, das Wesen Gottes, die Stellung des Menschen, die Unsterblichkeit der Seele und den geistigen Aufstieg zur göttlichen Erkenntnis. Die technischen Schriften befassen sich vor allem mit Astrologie, Alchemie, Magie, Medizin und der Deutung verborgener Naturkräfte.
Zu den wichtigsten erhaltenen Quellen gehören das Corpus Hermeticum, der nur vollständig lateinisch überlieferte Dialog Asclepius hermetische Auszüge bei Johannes Stobaios sowie mehrere koptische Texte aus der Bibliothek von Nag Hammadi. Die meisten philosophischen Hermetica entstanden wahrscheinlich zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung im griechischsprachigen Ägypten. Sie sind damit keine Werke aus der Zeit der Pharaonen, bewahren aber Vorstellungen aus dem kulturellen Begegnungsraum des spätantiken Ägypten.
Die ursprüngliche Hermetik als heidnische Tradition
Die antiken Hermetica entstanden in einem nichtchristlichen, griechisch-ägyptischen Religionsmilieu. In diesem historischen Sinn kann die ursprüngliche Hermetik als heidnisch bezeichnet werden. Ihre Texte sprechen von einem höchsten göttlichen Ursprung, zugleich aber auch von kosmischen Göttern, Planetengottheiten, göttlichen Kräften und beseelten Kultbildern. Besonders der Asclepius setzt eine ägyptische Tempelreligion voraus und beklagt prophetisch deren möglichen Untergang.
„Heidnisch“ bedeutet hier allerdings nicht, dass die Hermetik eine einheitliche polytheistische Religionsgemeinschaft mit festem Kult und verbindlichem Glaubensbekenntnis gewesen wäre. Die Texte stammen von unterschiedlichen Autoren und vertreten teilweise voneinander abweichende Vorstellungen. Manche zeichnen ein positives Bild des göttlich durchdrungenen Kosmos, andere betrachten die materielle Welt wesentlich skeptischer.
Die Hermetica verwenden philosophische Begriffe des Platonismus und der stoischen Naturlehre und entstanden in einer Umgebung, in der sich ägyptische, griechische, jüdische und frühe christliche Vorstellungen begegneten. Einzelne Ähnlichkeiten mit jüdischen oder christlichen Texten machen sie jedoch nicht zu jüdischen oder christlichen Schriften. Ihr religiöser Rahmen blieb ursprünglich jener der spätantiken, nichtchristlichen Welt.
Hermetik im Mittelalter
Im lateinischen Westen ging ein großer Teil des griechischen Corpus Hermeticum verloren. Bekannt blieb vor allem der lateinische Asclepius, der unter anderem von christlichen Autoren gelesen und diskutiert wurde. Augustinus zitierte ihn ausführlich, betrachtete seine Aussagen über beseelte Götterbilder jedoch als dämonischen Irrtum.
Gleichzeitig blieb Hermes Trismegistos als sagenhafter Urweiser bekannt. Christliche Autoren deuteten ihn zunehmend als vorchristlichen Philosophen, der einzelne Wahrheiten des Christentums bereits vorausgeahnt habe. Aus dem ägyptisch-heidnischen Weisheitslehrer wurde auf diese Weise ein Hermes Christianus dessen Autorität in eine christliche Geschichtsdeutung eingeordnet werden konnte.
Eine weitere Überlieferungslinie verlief über die arabisch-islamische Welt. Dort wurden Hermes zahlreiche Werke über Astrologie, Alchemie, Magie, Talismane und Philosophie zugeschrieben. Nicht alle diese Schriften gehen unmittelbar auf die spätantiken griechischen Hermetica zurück; häufig handelt es sich um neue Texte, die unter dem angesehenen Namen des Hermes verbreitet wurden. Auch die Tabula Smaragdina, die Smaragdtafel mit dem später berühmt gewordenen Gedanken einer Entsprechung von Oben und Unten, ist zunächst in arabischer Überlieferung greifbar.
Über arabische Texte gelangten hermetische Vorstellungen auch in jüdische und erneut in lateinisch-christliche Gelehrtenkreise. Dabei wurden sie jeweils an die religiösen und philosophischen Voraussetzungen ihrer neuen Umgebung angepasst. Von einer fortbestehenden heidnischen Religion kann für das Mittelalter daher nicht mehr gesprochen werden. Hermetische Motive lebten weiter, aber innerhalb christlicher, jüdischer und islamischer Kulturen.
Wiederentdeckung in der Renaissance
Eine entscheidende Wende brachte die italienische Renaissance. Im 15. Jahrhundert gelangte eine griechische Handschrift mit Teilen des Corpus Hermeticum nach Florenz. Auf Veranlassung Cosimo de’ Medicis übersetzte Marsilio Ficino die Texte ins Lateinische. Seine 1463 abgeschlossene und 1471 gedruckte Übersetzung machte die philosophischen Hermetica in Westeuropa erneut bekannt.
Ficino und viele seiner Zeitgenossen hielten Hermes Trismegistos für einen Weisen aus ältester ägyptischer Zeit, möglicherweise sogar für einen Zeitgenossen oder Vorläufer des Mose. Die Hermetica galten deshalb als Zeugnisse einer prisca theologia, einer ursprünglichen göttlichen Weisheit, die später bei Platon und schließlich im Christentum ihre vollkommenste Gestalt gefunden habe.
Diese Renaissance-Hermetik war nicht einfach die Wiederherstellung einer antiken heidnischen Religion. Ficino las Hermes als christlicher Philosoph. Hermetische Kosmologie, platonische Seelenlehre, christliche Theologie, Astrologie und Naturmagie wurden zu einer neuen Synthese verbunden. Magie konnte dabei als Erforschung und Anwendung der von Gott in die Natur gelegten Kräfte verstanden werden.
Christliche Kabbala und gelehrte Magie
Bei Giovanni Pico della Mirandola trat zur platonischen und hermetischen Philosophie die jüdische Kabbala hinzu. Pico glaubte, in kabbalistischen Lehren Bestätigungen christlicher Glaubenswahrheiten erkennen zu können. Damit begründete er die sogenannte christliche Kabbala, die später unter anderem von Johannes Reuchlin und Heinrich Cornelius Agrippa weiterentwickelt wurde.
In diesem Umfeld verbanden sich hermetische Vorstellungen mit der Lehre von den göttlichen Namen, Engelhierarchien, Zahlen- und Buchstabensymbolik, astrologischen Entsprechungen sowie Formen der natürlichen und zeremoniellen Magie. Agrippas De occulta philosophia wurde zu einer besonders einflussreichen Zusammenfassung dieser christlich-hermetisch-kabbalistischen Magie.
Dabei ist festzuhalten, dass die jüdische Kabbala nicht einfach ein Zweig der Hermetik war. Renaissancegelehrte übernahmen ausgewählte jüdische Lehren, übersetzten und deuteten sie jedoch im Rahmen christlicher Theologie. Das Ergebnis war eine neue christliche Synthese und keine unveränderte Fortsetzung jüdischer Mystik.
Das Ende des antiken Altersmythos
1614 zeigte der Philologe Isaac Casaubon anhand der Sprache und der behandelten Vorstellungen, dass das Corpus Hermeticum nicht aus der Zeit des Mose oder der ältesten ägyptischen Geschichte stammen konnte. Er ordnete die Texte zutreffend der spätantiken Welt zu.
Damit verlor die Vorstellung von Hermes als ältestem Lehrer der Menschheit ihre historische Grundlage. Die Wirkung der Hermetik endete jedoch nicht. Ihre Motive lebten in Alchemie, Rosenkreuzertum, christlicher Theosophie, Freimaurerei, Okkultismus und später in verschiedenen Formen moderner Esoterik weiter. Der neuzeitliche Hermetismus ist deshalb weniger eine unveränderte antike Tradition als eine lange Folge von Übersetzungen, christlichen Umdeutungen und esoterischen Neuschöpfungen.
Warum das Kybalion kein Lehrbuch der Hermetik ist
Das 1908 unter dem Namen „Drei Eingeweihte“ veröffentlichte Kybalion wird häufig als Zusammenfassung der hermetischen Lehre angeboten. Historisch ist diese Einordnung jedoch nicht haltbar. Das Buch stammt sehr wahrscheinlich aus dem Umfeld des amerikanischen New-Thought-Autors William Walker Atkinson.
Seine sieben Prinzipien – Mentalismus, Entsprechung, Schwingung, Polarität, Rhythmus, Ursache und Wirkung sowie Geschlecht – finden sich in dieser Zusammenstellung weder im Corpus Hermeticum noch Asclepius oder in den übrigen antiken Hermetica. Einzelne Motive besitzen entfernte hermetische Parallelen, doch die Betonung mentaler Selbststeuerung, geistiger Schwingungen und persönlicher Erfolgstechniken gehört vor allem in die amerikanische New-Thought-Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Auch die religiöse Ausrichtung unterscheidet sich deutlich. Die antiken Hermetica handeln von Gotteserkenntnis, geistiger Wiedergeburt, Frömmigkeit und der Rückkehr der Seele zum göttlichen Ursprung. Das Kybalion richtet den Blick stärker auf die Beherrschung mentaler Zustände und die praktische Anwendung angeblicher kosmischer Gesetze.
Das Werk kann daher als einflussreicher Text des modernen Okkultismus und als moderne Aneignung einzelner hermetischer Motive gelesen werden. Als Einführung in die historische Hermetik ist es jedoch ungeeignet. Eine ausführlichere Darstellung seiner Entstehung, Autorschaft und sieben Prinzipien findet sich im eigenen Artikel „Kybalion“.