Interpretatio Romana bezeichnet die römische Praxis, Gottheiten anderer Kulturen anhand ihrer Funktionen, Eigenschaften oder Kultformen mit römischen Gottheiten gleichzusetzen. Der Ausdruck bedeutet „römische Deutung“ und ist erstmals bei Tacitus belegt. In seiner Germania bezeichnet er zwei bei den Nahanarvalern verehrte Brüdergottheiten „nach römischer Deutung“ als Castor und Pollux.
Das Verfahren war jedoch älter als der Begriff. Bereits Caesar beschrieb gallische Gottheiten mit Namen wie Merkur, Apollo, Mars, Jupiter und Minerva. Dabei handelte es sich nicht zwangsläufig um römische Kulte, sondern um die Übertragung einheimischer Götter in ein römisches Ordnungssystem. Als Grundlage dienten etwa Zuständigkeiten für Handel, Krieg, Heilung, Handwerk oder Fruchtbarkeit.
In den Provinzen entstanden häufig Doppelnamen und miteinander verbundene Kultgestalten, beispielsweise Sulis Minerva im heutigen Bath. Solche Namen zeigen, dass lokale Gottheiten nicht einfach durch römische ersetzt wurden. Vielmehr konnten neue, regional geprägte Formen der Verehrung entstehen. Die Interpretatio Romana war daher sowohl ein Mittel kultureller Verständigung als auch Ausdruck römischer Deutungsmacht.
Für die heutige Religionsforschung ist der Begriff besonders wichtig, weil römische Quellen fremde Religionen meist aus römischer Perspektive darstellen. Gleichsetzungen wie „Merkur = Wodan“ oder „Mars = Tyr“ sind deshalb keine sicheren Übersetzungen, sondern historische Deutungen, die kritisch geprüft werden müssen. Im modernen Paganismus können solche Entsprechungen als spirituelle Modelle verwendet werden; sie dürfen jedoch nicht ohne Weiteres als historisch belegte Identitäten gelten.
