Kulturelle Aneignung bezeichnet die Übernahme von Ausdrucksformen, Symbolen, Wissen oder Praktiken einer Kultur durch Personen, die dieser Kultur nicht angehören. Dies kann etwa Kleidung, Frisuren, Musik, religiöse Rituale, traditionelle Erzählungen, Kunststile oder Heilwissen betreffen. Der Begriff wird sowohl neutral beschreibend als auch kritisch wertend verwendet.
Kritisch spricht man vor allem dann von kultureller Aneignung, wenn zwischen den beteiligten Gruppen ein gesellschaftliches Machtungleichgewicht besteht. Problematisch kann die Übernahme werden, wenn Angehörige einer dominanten Kultur Elemente einer benachteiligten oder ehemals kolonisierten Gemeinschaft verwenden, ohne deren Bedeutung zu berücksichtigen, die Herkunft anzuerkennen oder die betreffenden Menschen zu beteiligen. Besonders umstritten sind Fälle, in denen Außenstehende wirtschaftlich oder gesellschaftlich profitieren, während Angehörige der Ursprungskultur weiterhin diskriminiert oder von entsprechenden Möglichkeiten ausgeschlossen werden.
Nicht jede kulturelle Übernahme gilt jedoch als Aneignung im kritischen Sinne. Kultureller Austausch gehört seit jeher zur Entwicklung von Gesellschaften. Entscheidend sind daher der historische Zusammenhang, die Bedeutung des übernommenen Elements, der Umgang mit den Herkunftsgemeinschaften sowie Fragen nach Zustimmung, Respekt, Anerkennung, Gegenseitigkeit und Gewinnbeteiligung.
Der Begriff ist wissenschaftlich und gesellschaftlich umstritten. Kritiker warnen davor, Kulturen als klar voneinander getrennte und unveränderliche Einheiten zu behandeln. Tatsächlich sind Kulturen vielfältig, wandelbar und durch Austausch geprägt. Befürworter des Konzepts betonen dagegen, dass diese Offenheit nicht dazu führen dürfe, koloniale Machtverhältnisse, wirtschaftliche Ausbeutung oder die Verfälschung marginalisierter Traditionen zu übersehen.
