Von der Artussage zum spirituellen Symbol
Avalon ist eine sagenhafte Insel der mittelalterlichen Artusüberlieferung. In modernen Formen des Heidentums gilt sie häufig als Ort der Anderswelt, der Heilung und spirituellen Erneuerung. Historisch lässt sich Avalon jedoch nicht als vorchristliches Heiligtum oder als Bestandteil einer sicher belegten keltischen Religion nachweisen. Das heute bekannte Bild entstand vielmehr aus mittelalterlicher Literatur und wurde seit dem 19. und 20. Jahrhundert religiös und esoterisch neu gedeutet.
Die mittelalterlichen Ursprünge
Die früheste eindeutige Nennung Avalons findet sich um 1136 in der Historia regum Britanniae des walisisch-normannischen Geistlichen Geoffrey von Monmouth. Das Werk gibt sich als Geschichte der britischen Könige, verbindet jedoch ältere Überlieferungen, politische Vorstellungen und literarische Erfindungen zu einer sagenhaften Vergangenheit Britanniens.
Geoffrey bezeichnet Avalon als Insula Avallonis, die Insel Avalon. Dort soll das Schwert Caliburn – der Vorläufer des späteren Excalibur – geschmiedet worden sein. Nach seiner tödlichen Verwundung in der Schlacht von Camlann wird König Arthur auf diese Insel gebracht, damit seine Wunden geheilt werden können. Geoffrey berichtet nicht ausdrücklich von Arthurs Tod. Dadurch bleibt offen, ob Arthur in Avalon stirbt, weiterlebt oder eines Tages zurückkehren kann.
In der um 1150 entstandenen Vita Merlini gestaltet Geoffrey die Insel ausführlicher aus. Hier erscheint sie als Insula Pomorum, als „Insel der Früchte“ oder „Apfelinsel“. Die Insel bringt ihre Erzeugnisse ohne menschliche Arbeit hervor und wird von neun Schwestern beherrscht. Die bedeutendste von ihnen ist Morgen, die spätere Morgan le Fay. Sie besitzt Heilwissen, kann ihre Gestalt verändern und erklärt sich bereit, den verwundeten Arthur aufzunehmen.
Avalon verbindet damit mehrere Motive: eine jenseitige Insel, übernatürliche Fruchtbarkeit, weibliche Heilkunst und die Hoffnung auf Erneuerung. Ähnliche Inseln finden sich sowohl in der klassischen Vorstellung der „Inseln der Seligen“ als auch in irischen und walisischen Erzählungen über die Anderswelt. Geoffrey schuf daher wahrscheinlich keine Überlieferung aus dem Nichts, sondern verband unterschiedliche literarische und mythologische Motive zu einem neuen Gesamtbild.
Der Name und die Äpfel
Der Name Avalon wird meist mit brittonischen und anderen keltischen Wörtern für Apfel oder Apfelbaum in Verbindung gebracht, etwa dem walisischen afal beziehungsweise afallen. Auch die irische Anderswelt kennt mit Emain Ablach einen Namen, der ungefähr „die Apfelreiche“ oder „Ort der Apfelbäume“ bedeutet.
Diese sprachlichen Parallelen stützen die Vorstellung Avalons als Apfelinsel. Sie beweisen jedoch nicht, dass es bereits in vorchristlicher Zeit eine allgemein bekannte keltische Insel oder Göttinnenkultstätte namens Avalon gegeben hätte. Die greifbaren Quellen stammen aus dem christlichen Mittelalter. Avalon ist deshalb historisch zunächst eine literarische Anderswelt der Artussage.
Avalon und Glastonbury
Seit dem späten 12. Jahrhundert wurde Avalon zunehmend mit Glastonbury in Südwestengland gleichgesetzt. Die Anhöhe des Glastonbury Tor lag früher in einer ausgedehnten Sumpflandschaft und konnte dadurch tatsächlich wie eine Insel erscheinen.
Im Jahr 1191 erklärten die Mönche der Abtei von Glastonbury, sie hätten auf ihrem Friedhof die Gebeine König Arthurs und Guineveres gefunden. Bei dem Grab soll sich ein Bleikreuz mit einer Inschrift befunden haben, die Glastonbury als Insel Avalon bezeichnete. Der Bericht ist nur durch spätere Darstellungen überliefert; das Kreuz und die angeblichen Gebeine sind nicht erhalten.
Die Entdeckung erfolgte wenige Jahre nach einem verheerenden Brand der Abtei von 1184, als das Kloster erhebliche Mittel für seinen Wiederaufbau benötigte. Sie konnte Pilger anziehen, den Rang der Abtei erhöhen und zugleich der verbreiteten Hoffnung widersprechen, Arthur lebe noch und werde zurückkehren. In der heutigen Forschung gilt das Grab deshalb nicht als glaubwürdiger archäologischer Nachweis. Wahrscheinlicher handelt es sich um eine mittelalterliche Inszenierung oder um die bewusste Umdeutung eines älteren Grabes.
Dennoch prägte die Behauptung die weitere Überlieferung. Glastonbury wurde mit Arthur, Avalon, dem Heiligen Gral und später auch mit Joseph von Arimathäa verbunden. Aus einer literarischen Insel wurde eine mythische Landschaft, in der unterschiedliche religiöse Erzählungen zusammenflossen.
Avalon im modernen Heidentum
Im modernen Heidentum besitzt Avalon keine einheitliche oder verbindliche Bedeutung. Wiccanische, druidische, göttinnenreligiöse und allgemein naturspirituelle Richtungen können den Begriff unterschiedlich verwenden. Häufig steht Avalon für:
– eine Anderswelt jenseits des gewöhnlichen Bewusstseins,
– einen Ort der Heilung und Regeneration,
– den Übergang zwischen Leben, Tod und Wiederkehr,
– weibliche Weisheit und spirituelle Selbstbestimmung,
– die Verbindung von Landschaft, Mythos und persönlicher Erfahrung.
Besonders wichtig wurde Avalon für Teile der modernen Göttinnenspiritualität. Morgan und die neun Schwestern werden dabei als Heilerinnen, Priesterinnen oder Verkörperungen unterschiedlicher Erscheinungsformen einer Göttin verstanden. Manche neueren Gruppen bezeichnen sich als avalonische Traditionen oder Priestessentraditionen. Ihre Rituale können Meditationen, Jahreskreisfeste, Heilungsarbeit, Pilgerreisen und die symbolische Reise durch die „Nebel von Avalon“ umfassen.
Diese Formen sind moderne religiöse Entwicklungen. Sie beruhen nicht auf einer lückenlos überlieferten Priesterinnentradition aus der Antike. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in der bewussten Neuinterpretation mittelalterlicher Sagen, keltisch inspirierter Motive, moderner Naturspiritualität und feministischer Religionsentwürfe.
Eine große Rolle für die Popularisierung dieses Bildes spielte Marion Zimmer Bradleys Roman *Die Nebel von Avalon* von 1983. Der Roman erzählt die Artussage aus der Perspektive Morgaines und anderer Frauen. Avalon erscheint darin als Zentrum einer alten Göttinnenreligion, die durch das vordringende Christentum verdrängt wird. Dieses religiöse System ist keine historisch zuverlässige Rekonstruktion der spätantiken oder frühmittelalterlichen Religion Britanniens. Es hat jedoch das moderne Bild Avalons und die Vorstellungen vieler spirituell Suchender nachhaltig beeinflusst.
Glastonbury als gegenwärtiger Pilgerort
Seit der Gegenkultur der 1960er- und 1970er-Jahre entwickelte sich Glastonbury zu einem bedeutenden Zentrum alternativer Spiritualität. Heute begegnen sich dort moderne Heiden, Druiden, Göttinnenverehrerinnen, Esoteriker, christliche Pilger und Menschen ohne feste Religionszugehörigkeit.
Glastonbury Tor, die Quellen Chalice Well und White Spring sowie die Ruinen der Abtei werden innerhalb dieser vielfältigen Landschaft unterschiedlich gedeutet. Für manche ist Glastonbury das tatsächliche Avalon, für andere ein symbolischer Zugang zur Anderswelt. Wieder andere betrachten die Verbindung als wirksamen Mythos, ohne sie für eine historische Tatsache zu halten.
Historische und religiöse Einordnung
Historisch ist Avalon vor allem ein Produkt der mittelalterlichen Artusliteratur. Zwar verwendete Geoffrey von Monmouth ältere keltische, klassische und christliche Motive, doch lässt sich Avalon nicht als sicher belegter Kultort der vorchristlichen Kelten nachweisen. Auch die Gleichsetzung mit Glastonbury beruht auf einer Entwicklung des späten 12. Jahrhunderts und nicht auf archäologischer Gewissheit.
Für das moderne Heidentum muss diese historische Einordnung den spirituellen Wert Avalons nicht aufheben. Mythen können religiöse Bedeutung gewinnen, ohne wörtliche Geschichtsberichte zu sein. Avalon kann als Bild für Heilung, Transformation, Anderswelt und die Wiederverzauberung der Landschaft dienen. Problematisch wird seine Verwendung erst dort, wo moderne Vorstellungen als unveränderte Überlieferungen einer angeblich uralten keltischen Religion ausgegeben werden.
Avalon besitzt somit eine doppelte Bedeutung: Es ist eine mittelalterliche literarische Schöpfung mit älteren mythologischen Bestandteilen und zugleich ein lebendiger moderner Mythos. Gerade die bewusste Unterscheidung zwischen historischer Herkunft und heutiger religiöser Deutung ermöglicht einen verantwortungsvollen Umgang mit diesem vielschichtigen Begriff.