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  • Ethnische Religion

    Als ethnische Religion bezeichnet die Religionswissenschaft eine religiöse Tradition, die historisch eng mit einer bestimmten ethnischen, sprachlichen oder kulturellen Gemeinschaft verbunden ist. Religion bildet dabei häufig keinen klar abgegrenzten Lebensbereich, sondern ist mit Bräuchen, Sozialordnung, Festkalender, Herkunftserzählungen, Ahnenverehrung, Landschaft und gemeinschaftlicher Identität verflochten. Ethnische Religionen entstehen gewöhnlich innerhalb einer Kultur und entwickeln sich zusammen mit ihr; sie gehen daher oftmals nicht auf eine einzelne Stifterpersönlichkeit oder einen eindeutig datierbaren Gründungsakt zurück.

    „Ethnisch“ bezeichnet in diesem Zusammenhang vor allem eine durch gemeinsame Geschichte, kulturelles Erbe, Sprache, Erinnerungen und symbolische Traditionen gebildete Gruppenzugehörigkeit. Der Begriff behauptet weder eine genetisch einheitliche Abstammung noch eine unveränderliche, biologisch definierte Gemeinschaft. Ethnische Identitäten sind historisch entstanden, sozial vermittelt und können sich verändern.

    Typische, aber nicht zwingende Merkmale ethnischer Religionen sind:

    • die Weitergabe innerhalb von Familien und Gemeinschaften;
    • eine besondere Beziehung zu Herkunftsgebieten, Landschaften oder Ahnen;
    • gemeinschaftliche Rituale und überlieferte Bräuche;
    • eine geringere Ausrichtung auf Mission und universale Bekehrung;
    • die enge Verbindung religiöser und kultureller Identität.

    Diese Merkmale bilden jedoch keine starre Definition. Migration, Konversion, kultureller Austausch und religiöse Erneuerungsbewegungen können die Grenzen ethnischer Religionen verändern. Eine ethnische Religion muss daher Außenstehenden nicht grundsätzlich verschlossen sein. Entscheidend ist ihre historische und kulturelle Verwurzelung, nicht zwingend die Abstammung ihrer heutigen Anhänger.

    Davon zu unterscheiden ist die ethnoreligiöse Gruppe. Dieser Ausdruck bezeichnet eine Gemeinschaft, bei der ethnische und religiöse Zugehörigkeit weitgehend zusammenfallen. „Ethnische Religion“ beschreibt somit eher den Charakter einer Tradition, „ethnoreligiöse Gruppe“ dagegen die soziale Identität einer Gemeinschaft.

    Abgrenzung von „völkisch“

    Völkisch ist kein neutrales Synonym für „ethnisch“. Der Begriff entstand im deutschsprachigen Raum seit etwa 1870 und wurde zum Selbstbegriff einer nationalistischen Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Diese verstand das „Volk“ als angeblich natürliche, organische und vielfach biologisch beziehungsweise „rassisch“ definierte Abstammungsgemeinschaft. Sie verband diese Vorstellung mit Forderungen nach kultureller Homogenität und der Ausgrenzung vermeintlich „fremder“ Menschen. Antisemitismus, Rassismus, aggressiver Nationalismus und sozialdarwinistische Vorstellungen gehörten zu den prägenden Elementen der historischen völkischen Bewegung.

    Der Unterschied liegt daher nicht einfach darin, dass eine Religion zu einem bestimmten Volk oder einer bestimmten Kultur gehört. Entscheidend ist, wie Zugehörigkeit verstanden wird:

    Ethnisch bedeutet religionswissenschaftlich zunächst, dass eine Religion aus einer bestimmten kulturellen und historischen Gemeinschaft hervorgegangen und mit deren Traditionen verbunden ist.

    Völkisch bedeutet, dass diese Verbindung politisch und ideologisch aufgeladen wird: Abstammung wird biologisiert, das eigene „Volk“ als homogene Schicksalsgemeinschaft dargestellt und die Abgrenzung oder Ausgrenzung anderer Menschen gefordert.

    Bedeutung für das moderne Heidentum

    Auch moderne heidnische Religionen können sich als ethnisch, „einheimisch“ oder kulturgebunden verstehen. Damit kann gemeint sein, dass sie bestimmte historische Götterwelten, Sprachen, Bräuche und regionale Überlieferungen rekonstruieren oder weiterentwickeln. Eine solche kulturelle Orientierung ist nicht automatisch nationalistisch oder völkisch. Die Forschung zeigt vielmehr, dass sich innerhalb moderner ethnisch orientierter Religionen sehr unterschiedliche Positionen finden – von offenen, pluralistischen Gemeinschaften bis zu nationalistischen Strömungen.

    Die Grenze zum Völkischen wird überschritten, wenn etwa behauptet wird,

    • nur Menschen einer vermeintlich „richtigen“ Abstammung könnten eine Religion ausüben;
    • religiöse Zugehörigkeit liege im „Blut“ oder in den Genen;
    • ethnische Vermischung gefährde die Religion oder das Volk;
    • Kulturen und Menschengruppen müssten „rein“ gehalten werden;
    • die eigene ethnische Gemeinschaft sei anderen grundsätzlich überlegen.

    Eine moderne heidnische Religion kann somit ethnisch verwurzelt und zugleich offen sein. Historische Herkunft, kulturelle Verbundenheit und respektvolle Aneignung einer Tradition sind nicht mit biologischer Abstammung oder ethnischer Ausschließlichkeit gleichzusetzen.

    Kurzdefinition

    Ethnische Religion bezeichnet eine historisch und kulturell in einer bestimmten Gemeinschaft verwurzelte religiöse Tradition. Völkisch bezeichnet dagegen eine spezifische nationalistische und häufig rassistische Ideologie, die „Volk“, Abstammung und Kultur als angeblich natürliche, homogene Einheit versteht und daraus Ausschlussansprüche ableitet. Eine ethnische Religion ist daher nicht automatisch völkisch.