Kemetismus bezeichnet moderne religiöse Strömungen, die sich an den Religionen des Alten Ägypten orientieren. Der Name leitet sich von Kemet, einer altägyptischen Bezeichnung für Ägypten als „Schwarzes Land“, ab. Gemeint war vermutlich das fruchtbare Nilschwemmland im Gegensatz zur Wüste.
Die historische ägyptische Religion entwickelte sich über mehr als drei Jahrtausende und war weder einheitlich noch unveränderlich. Lokale Kulte, verschiedene Schöpfungslehren und zahlreiche Gottheiten bestanden nebeneinander. Gottheiten konnten miteinander verbunden werden, ohne ihre Eigenständigkeit vollständig zu verlieren. Zentral war die Vorstellung der Ma’at, der gerechten und harmonischen Weltordnung, deren Gegenpol Isfet, Chaos und Unrecht, bildete.
Der Tempelkult wurde von Priestern im Namen des Königs vollzogen. Kultbilder wurden gereinigt, bekleidet und mit Speisen, Getränken und Weihrauch versorgt. Daneben bestanden häusliche Frömmigkeit, Schutzrituale, Totenverehrung und persönliche Gebete. Die institutionelle altägyptische Religion verschwand während der Spätantike. Eine ununterbrochene Überlieferung bis zum heutigen Kemetismus ist nicht nachweisbar.
Der moderne Kemetismus entstand vor allem seit dem späten 20. Jahrhundert. Er ist daher keine unveränderte Fortsetzung der pharaonischen Religion, sondern eine moderne Wiederbelebung und Rekonstruktion. Dabei reicht das Spektrum von streng quellenorientierten Rekonstruktionisten bis zu eklektischen Formen, die ägyptische Gottheiten mit Wicca, Magie oder anderen religiösen Traditionen verbinden. Eine bekannte organisierte Richtung ist die in den USA entstandene Kemetic Orthodoxy.
Im Mittelpunkt steht meist die Verehrung der ägyptischen Gottheiten, häufig als Netjeru bezeichnet. Dazu gehören etwa Re, Isis, Osiris, Horus, Hathor, Anubis, Thot, Bastet und Sachmet. Sie können als eigenständige Wesen, göttliche Erscheinungsformen, kosmische Kräfte oder Symbole verstanden werden.
Typische Praktiken sind häusliche Schreine, rituelle Reinigung, Gebete, Hymnen, Weihrauch- und Speiseopfer, Ahnenverehrung sowie die Feier rekonstruierter Feste. Auch Heka, die wirksame Kraft von Worten, Bildern und Ritualen, kann eine Rolle spielen. Ma’at dient vielen Praktizierenden als ethisches Leitbild für Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und verantwortliches Handeln.
Religionswissenschaftlich wird Kemetismus meist dem modernen rekonstruktionistischen Heidentum zugerechnet. Manche Anhänger bevorzugen jedoch Bezeichnungen wie „kemetische Religion“ oder „ägyptische Religion“. Da der historische Tempelkult eng mit Königtum, Priestertum und Staatswesen verbunden war, kann er heute nicht vollständig wiederhergestellt werden. Kemetismus ist daher eine moderne Religion mit historischen Wurzeln, die altägyptische Quellen unter gegenwärtigen Bedingungen neu deutet und praktiziert.