Lexikon

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  • Neo- und Core-Schamanismus

    Neoschamanismus bezeichnet moderne religiöse und spirituelle Bewegungen, die ausgewählte Vorstellungen und Praktiken aus wissenschaftlichen Darstellungen indigener schamanischer Traditionen übernehmen und neu zusammensetzen. Er entwickelte sich vor allem seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika.

    Im Unterschied zu traditionellen schamanischen Rollen, die in konkrete Gemeinschaften, Sprachen und religiöse Weltbilder eingebunden sind, richtet sich Neoschamanismus häufig an einzelne spirituell Suchende. Im Mittelpunkt stehen persönliche Erfahrung, Selbstentwicklung, Naturverbundenheit, alternative Heilung und die Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen.

    Eine besonders einflussreiche Form ist der Core-Schamanismus. Er wurde wesentlich durch den amerikanischen Anthropologen Michael Harner und sein 1980 erschienenes Buch The Way of the Shaman geprägt. Harner vertrat die Vorstellung, aus unterschiedlichen Kulturen einen universalen „Kern“ schamanischer Techniken herauslösen zu können. Dazu gehören rhythmisches Trommeln, sogenannte schamanische Reisen, Begegnungen mit Geisthelfern oder Krafttieren sowie die Vorstellung nichtalltäglicher Wirklichkeit.

    Religionswissenschaftlich gilt Core-Schamanismus nicht als unveränderte indigene Tradition, sondern als moderne westliche Neuschöpfung. Seine Praktiken wurden aus verschiedenen kulturellen Zusammenhängen gelöst und mit Elementen aus Psychologie, Esoterik, Naturspiritualität und therapeutischer Selbsterfahrung verbunden.

    Im modernen Paganismus werden neoschamanische Methoden häufig mit Wicca, Druidentum, Heathenry, Hexentum oder Göttinnenspiritualität kombiniert. Begriffe wie „keltischer Schamanismus“ oder „germanischer Schamanismus“ bezeichnen in der Regel moderne Synthesen. Für eine historisch kontinuierliche keltische oder germanische Schamanentradition gibt es keine gesicherten Belege.

    Neoschamanismus ist von indigenen Wiederbelebungsbewegungen zu unterscheiden. Diese können zwar ebenfalls moderne Elemente aufnehmen, stehen jedoch häufig im Zusammenhang mit kultureller Selbstbehauptung, der Überwindung kolonialer Unterdrückung und der Wiedergewinnung eigener religiöser Traditionen.

    Kritisch diskutiert werden kulturelle Aneignung, die Vermischung verschiedener indigener Religionen und die kommerzielle Vermarktung geschützter Rituale. Besonders problematisch ist die Selbstbezeichnung als „Schamane“, wenn keine Ausbildung oder Anerkennung innerhalb einer konkreten Herkunftsgemeinschaft vorliegt. Präziser sind daher Bezeichnungen wie Neoschamanismus, Core-Schamanismus oder schamanisch inspirierte Spiritualität.