Seiðr – vereinfacht auch Seid oder Seidr geschrieben – bezeichnet einen Komplex magischer und divinatorischer Praktiken in der vorchristlichen Religion Skandinaviens. Der Begriff steht nicht für ein einheitliches System, sondern umfasst unterschiedliche Formen rituellen Handelns. Dazu gehörten nach den altnordischen Quellen Weissagung, die Beeinflussung von Schicksal und Glück sowie schützende, heilende oder schädigende Magie.
Mythologisch wird Seiðr besonders mit den Gottheiten Freyja und Odin verbunden. Nach Snorri Sturluson lehrte Freyja diese Kunst den Asen. Odin konnte durch Seiðr Zukünftiges erkennen, Menschen Kraft oder Verstand nehmen und Ereignisse beeinflussen.
Als wichtigste menschliche Ausübende erscheinen Frauen, die als Völur – Singular Völva – oder seiðkonur bezeichnet wurden. Die ausführlichste literarische Ritualdarstellung findet sich in der Eiríks saga rauða. Dort tritt die Seherin Þorbjörg mit besonderer Kleidung und einem Stab auf, nimmt auf einem erhöhten Sitz Platz und lässt einen rituellen Gesang vortragen, bevor sie weissagt. Die Szene ist jedoch keine vollständige historische Ritualanleitung, sondern eine mittelalterliche literarische Überlieferung.
Auch Männer konnten Seiðr ausüben. In den Quellen wurde männliche Seiðr-Praxis jedoch häufig mit ergi verbunden, einem Vorwurf der Ehrlosigkeit oder der Verletzung damaliger männlicher Rollenvorstellungen. Dass Odin dennoch als Meister des Seiðr galt, zeigt, dass magische Macht wichtiger sein konnte als gesellschaftliche Normen.
Seiðr wird gelegentlich als „nordischer Schamanismus“ bezeichnet. Mögliche Parallelen bestehen etwa in Trance, Gesang, Geisterkontakten und veränderten Bewusstseinszuständen. Der Begriff ist jedoch umstritten, weil die Quellen kein geschlossenes schamanisches System belegen.
Im modernen germanischen Heidentum bezeichnet Seiðr meist rekonstruierte Praktiken der Weissagung, Trance, Geisterkommunikation oder spirituellen Reise. Da keine ununterbrochene Überlieferung historischer Rituale existiert, handelt es sich dabei um moderne Rekonstruktionen und Neuschöpfungen auf Grundlage mittelalterlicher Texte, archäologischer Funde und heutiger spiritueller Erfahrungen.