Orale Kulturen sind Gesellschaften, in denen Wissen, Geschichte, religiöse Vorstellungen und soziale Regeln überwiegend mündlich weitergegeben werden. Zentrale Überlieferungsformen sind Erzählungen, Lieder, Epen, Rituale und gemeinsame Rezitationen.
Damit Inhalte über Generationen erhalten bleiben, nutzen orale Traditionen feste Formeln, Wiederholungen, Rhythmen und wiederkehrende Erzählstrukturen. Zugleich kontrolliert die Gemeinschaft die Überlieferung: Abweichungen können bei Festen, Ritualen oder öffentlichen Vorträgen erkannt und korrigiert werden. Beispiele sind afrikanische Griots, die als Erzähler und Gedächtnisträger wirken, sowie die Songlines indigener australischer Gemeinschaften, die Geschichten, Wissen und räumliche Orientierung miteinander verbinden.
Orale Überlieferung gilt daher nicht grundsätzlich als unzuverlässiger als schriftliche. Ihre Stabilität hängt jedoch stark davon ab, dass die sozialen und rituellen Zusammenhänge erhalten bleiben. Schrift fixiert zwar einzelne Fassungen, kann aber durch Abschreibfehler, Übersetzungen, Bearbeitungen und unterschiedliche Überlieferungslinien ebenfalls Veränderungen erfahren. Besonders beständig sind Traditionen häufig dann, wenn mündliche Weitergabe und schriftliche Dokumentation zusammenwirken.
