Ahnenverehrung bezeichnet die religiöse oder rituelle Pflege der Beziehung zu verstorbenen Vorfahren. Sie ist von allgemeinem Totengedenken zu unterscheiden: Nicht jeder Tote gilt automatisch als Ahne, sondern meist nur eine Person, der weiterhin Bedeutung für Familie, Gemeinschaft oder Tradition zugeschrieben wird. Der Begriff „Verehrung“ ist dabei oft treffender als „Anbetung“, da Ahnen gewöhnlich nicht mit Gottheiten gleichgesetzt werden.
In historischen paganen Religionen konnten Ahnen Schutz, Fruchtbarkeit, gesellschaftliche Ordnung und die Legitimation von Familien oder Herrschaft verkörpern. Im antiken Griechenland bestanden Kulte für verstorbene Familienmitglieder, Heroen und Stadtgründer. In Rom wurden die Toten unter anderem bei den Parentalia geehrt; Ahnenbilder machten zugleich Herkunft und sozialen Rang sichtbar. Für die vorchristlichen germanischen und nordischen Religionen weisen Gräber, Genealogien und Überlieferungen auf die Bedeutung verstorbener Angehöriger hin, doch ist die Quellenlage lückenhaft. Begriffe wie Dísir oder Álfar dürfen daher nicht pauschal mit Ahnengeistern gleichgesetzt werden.
Im modernen Paganismus gehören Ahnenaltäre, Kerzen, Speise- und Trankopfer, Grabpflege, Namenslesungen und das Erzählen von Familiengeschichten zu verbreiteten Praktiken. Besonders Samhain gilt in Wicca und verwandten Traditionen als Zeit des Totengedenkens. Im ADF-Druidentum bilden die Ahnen gemeinsam mit Gottheiten und Naturgeistern die „Drei Kindreds“.
Der moderne Ahnenbegriff ist häufig weiter als biologische Abstammung. Neben Familienahnen können auch Wahlverwandte, geistige Lehrerinnen und Lehrer, kulturelle Vorbilder sowie frühere Bewohner eines Ortes als Ahnen verstanden werden. Ahnenarbeit bedeutet zudem nicht, alle Vorfahren unkritisch zu verehren. Belastete Familiengeschichten können bewusst aufgearbeitet, schädliche Traditionen zurückgewiesen und stattdessen wohlwollende oder „gute“ Ahnen angerufen werden.
Ahnenverehrung bringt ein paganes Weltbild zum Ausdruck, in dem Menschen als Teil einer generationsübergreifenden Gemeinschaft verstanden werden. Die Toten bleiben durch Erinnerung, ihre Taten und – je nach religiöser Überzeugung – als geistige Wesen mit den Lebenden verbunden.
