Sekte bezeichnete ursprünglich eine religiöse, philosophische oder weltanschauliche Richtung. Das Wort geht auf das lateinische secta zurück, das „Richtung“, „Schule“ oder „Gefolgschaft“ bedeutet. Eine grundsätzlich abwertende Bedeutung war damit zunächst nicht verbunden.
Im christlich geprägten Europa entwickelte sich „Sekte“ jedoch zu einer Bezeichnung für Gemeinschaften, die von der jeweils als rechtgläubig geltenden Lehre abwichen. Der Begriff diente damit nicht nur der Beschreibung, sondern häufig auch der theologischen und gesellschaftlichen Ausgrenzung religiöser Minderheiten.
In der klassischen Religionssoziologie verwendeten Max Weber und Ernst Troeltsch „Sekte“ als analytischen Idealtyp. Gemeint war eine freiwillige, vergleichsweise kleine Gemeinschaft mit verbindlicher Mitgliedschaft, deutlichen Aufnahmebedingungen und einer stärkeren Abgrenzung von ihrer Umwelt. In diesem fachsprachlichen Sinn bezeichnete das Wort nicht automatisch eine gefährliche oder manipulative Gruppe.
Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch ist „Sekte“ dagegen stark negativ besetzt. Der Begriff wird meist mit psychischer Manipulation, autoritärer Führung, sozialer Abschottung, finanzieller Ausbeutung oder Missbrauch verbunden. Da er sehr unterschiedliche religiöse Gemeinschaften pauschal unter Verdacht stellt, wird er in der gegenwärtigen Religionswissenschaft nur noch eingeschränkt verwendet. Bevorzugt werden genauere Bezeichnungen wie religiöse Minderheit, neue religiöse Bewegung, Religionsgemeinschaft oder der jeweilige Eigenname.
Besonders problematisch ist die Anwendung des Sektenbegriffs auf pagane Religionen. Modernes Paganismus umfasst zahlreiche eigenständige Strömungen, darunter Wicca, Druidentum, rekonstruktionistische polytheistische Religionen und naturehrende Gemeinschaften. Sie besitzen weder eine gemeinsame Leitung noch eine einheitliche Lehre. Ihre geringe Mitgliederzahl, ungewohnte Rituale oder nichtchristliche Gottesvorstellungen sind keine Hinweise auf Manipulation oder Gefährlichkeit.
Im interreligiösen Dialog wirkt die Bezeichnung „Sekte“ häufig verunglimpfend. Sie spricht einer Gemeinschaft indirekt ihre religiöse Legitimität ab und versetzt ihre Angehörigen in die Rolle grundsätzlich verdächtiger Außenseiter. Pagane Gesprächspartner müssen dadurch oft zunächst Vorurteile über Satanismus, Manipulation oder Irrationalität zurückweisen, bevor ein Austausch auf Augenhöhe möglich wird.
Der Verzicht auf den Begriff bedeutet nicht, problematische religiöse Strukturen zu verharmlosen. Autoritäre Führung, Zwang, Missbrauch, finanzielle Ausbeutung oder die Einschränkung persönlicher Freiheit sollten jedoch konkret benannt und anhand nachprüfbarer Kriterien beurteilt werden. Für die religionswissenschaftliche und interreligiöse Verständigung ist eine präzise Beschreibung daher sachgerechter als die pauschale Einordnung einer Gemeinschaft als „Sekte“.
