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Awen

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Awen ist ein walisisches Wort für Inspiration, insbesondere für die schöpferische und dichterische Eingebung. Im modernen Heidentum begegnet es vor allem im Druidentum: als Bezeichnung einer spirituellen Inspirationskraft, als ritueller Ruf und als Name des bekannten Drei-Strahlen-Symbols. Dabei müssen jedoch das historisch belegte Wort und seine neuzeitlichen religiösen Deutungen voneinander unterschieden werden.

 Historische Herkunft

Das walisische Substantiv awen bedeutet „poetische Inspiration“, „dichterische Begabung“, „Muse“ oder „schöpferischer Geist“. Eine Person, die von dieser Inspiration erfüllt ist, kann als *awenydd* bezeichnet werden – als inspirierter Dichter, Sänger oder mitunter auch prophetisch begabter Mensch.

Eine frühe schriftliche Erwähnung findet sich in der mittelalterlichen Historia Brittonum. Dort wird der Dichter Talhaearn als tat aguen, als „Vater der Awen“ beziehungsweise „Vater der Inspiration“, bezeichnet. Das zeigt, dass der Begriff bereits in der frühen walisischen Literatur mit der besonderen Befähigung des Dichters verbunden war.

In der mittelalterlichen walisischen Dichtung war Awen mehr als ein bloßer Einfall. Sie bezeichnete eine Kraft, durch die der Dichter Zusammenhänge erkennen, Wissen aussprechen und den angemessenen Ausdruck finden konnte. Dichtung galt als handwerkliche Kunst, beruhte aber zugleich auf einer Gabe, die nicht vollständig willentlich erzeugt werden konnte. Awen konnte daher als Inspiration verstanden werden, die den Menschen ergreift oder in ihn einströmt.

Die erhaltenen Texte stammen überwiegend aus dem christlichen Mittelalter. Awen wurde dort häufig auf Gott, den Heiligen Geist oder einen himmlischen Ursprung bezogen. Sie ist deshalb historisch weder eindeutig eine vorchristliche Gottheit noch der Name einer allgemein-keltischen kosmischen Energie. Das Wort bezeichnet zunächst die Inspiration selbst, auch wenn diese poetisch personifiziert werden konnte.

Awen und Taliesin

Eine wichtige Rolle spielt Awen in der Überlieferung um den walisischen Dichter Taliesin. Im mittelalterlichen Buch von Taliesin erscheinen dichterische Inspiration, prophetisches Wissen und die geheimnisvolle Verwandlung des Dichters als eng miteinander verbunden.

In der späteren Erzählung von Ceridwen und Gwion Bach bereitet Ceridwen einen Kesseltrank, dessen erste drei Tropfen Weisheit und dichterische Erkenntnis verleihen. Gwion nimmt sie unbeabsichtigt auf und wird nach einer Folge von Verwandlungen als Taliesin wiedergeboren. Diese Erzählung wurde im modernen Druidentum zu einem zentralen Bild für Einweihung und Inspiration. Die ausdrückliche Gleichsetzung der drei Tropfen mit dem heutigen Drei-Strahlen-Zeichen ist jedoch eine neuzeitliche Auslegung und keine gesicherte Bedeutung des mittelalterlichen Stoffes.

Die neuzeitliche Druidenbewegung

Die moderne Geschichte des Awen-Begriffs wurde stark durch den walisischen Dichter, Altertumsforscher und religiösen Erneuerer Iolo Morganwg beeinflusst. Er gründete 1792 in London den ersten Gorsedd, eine Gemeinschaft walisischer Barden, und entwickelte ein System, das er als Fortsetzung alter druidischer Überlieferungen darstellte.

Iolo verband tatsächlich überlieferte Elemente walisischer Dichtung mit eigenen Vorstellungen, christlich-unitarischer Mystik, romantischer Naturphilosophie und neu entworfenen Ritualen. Ein Teil seiner angeblich alten Quellen erwies sich später als von ihm verändert oder verfasst. Seine Arbeit war daher keine unveränderte Weitergabe eines vorchristlichen Druidentums, prägte aber die moderne walisische Bardentradition und das neuzeitliche Druidentum nachhaltig.

In diesem Zusammenhang entstand auch das heute als Awen-Symbol bekannte Zeichen: drei Strahlen, die gewöhnlich von drei Punkten ausgehen und sich nach unten ausbreiten. Teilweise werden sie von einem oder mehreren Kreisen umgeben. Das Zeichen ist kein archäologisch belegtes Symbol der antiken Druiden. Seine bekannte Form und seine religiöse Deutung gehören in die neuzeitliche bardische und druidische Tradition. Ausführlich verbreitet wurden Iolos Vorstellungen unter anderem durch die nach seinem Tod veröffentlichten Werke Iolo Manuscripts und Barddas.

Auch die häufige Übersetzung von Awen als „fließender Geist“ oder „strömende Inspiration“ stammt wesentlich aus dieser neuzeitlichen Deutung. Sie beschreibt die moderne spirituelle Vorstellung anschaulich, ist aber keine gesicherte wörtliche Zerlegung des historischen walisischen Wortes.

 Bedeutung im modernen Heidentum

Im heutigen Druidentum bezeichnet Awen meist die Kraft, durch die schöpferische Erkenntnis entsteht. Sie kann als Gabe einer Gottheit, als Stimme der Natur, als Bewegung der eigenen Seele oder als Beziehung zwischen Mensch und Welt verstanden werden. Da modernes Druidentum keine einheitliche Glaubenslehre besitzt, unterscheiden sich die Deutungen erheblich.

Awen kann heute stehen für:

– dichterische, musikalische und künstlerische Inspiration,
– spirituelle Erkenntnis und prophetische Einsicht,
– die Erfahrung der Verbundenheit mit Natur und Mitwelt,
– den schöpferischen Austausch zwischen Mensch und Gottheiten,
– die Fähigkeit, Wahrheit in eine angemessene Form zu bringen.

In druidischen Ritualen wird das Wort häufig gedehnt als „Ah-oo-en“ gesungen oder gesprochen. Der gemeinsame Ruf kann der Sammlung, der Öffnung für Inspiration oder der Segnung einer dichterischen und rituellen Handlung dienen.

Auch die drei Strahlen werden unterschiedlich ausgelegt. Sie können beispielsweise Erde, Meer und Himmel, Körper, Geist und Seele oder die druidischen Wege von Barde, Ovate und Druide darstellen. Andere Gruppen verbinden sie mit Liebe, Weisheit und Wahrheit oder mit den drei Tropfen aus Ceridwens Kessel. Solche Zuordnungen sind moderne religiöse Symbolik und keine allgemein verbindlichen historischen Bedeutungen.

Einordnung

Awen ist weder eine moderne Worterfindung noch ein unverändert überliefertes Geheimnis antiker Druiden. Historisch belegt ist ein alter walisischer Begriff für dichterische und erkenntnisstiftende Inspiration. Das Drei-Strahlen-Zeichen, der rituelle Gesang und die Vorstellung einer universalen spirituellen Kraft gehören dagegen überwiegend zur neuzeitlichen Entwicklung des Druidentums.

Gerade diese Verbindung macht Awen für das moderne Heidentum bedeutsam: Der Begriff besitzt echte Wurzeln in der walisischen Dichtung, wird aber in der Gegenwart schöpferisch weitergedeutet. Awen bezeichnet damit nicht nur Inspiration als plötzliches Geschenk, sondern auch eine Beziehung – das Öffnen des Menschen gegenüber Sprache, Natur, Gottheiten und der lebendigen Welt.

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