Germanen ist eine antike Fremdbezeichnung und ein moderner wissenschaftlicher Sammelbegriff für verschiedene Bevölkerungsgruppen, die während der vorrömischen Eisenzeit und der römischen Kaiserzeit vor allem in Mittel- und Nordeuropa lebten. Eine politisch, kulturell oder ethnisch einheitliche Gemeinschaft „der Germanen“ hat es nach heutigem Forschungsstand jedoch nicht gegeben.
Der lateinische Begriff Germani wurde besonders durch den römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar verbreitet. In seinem Bericht über den Gallischen Krieg unterschied er zwischen Galliern westlich und Germanen östlich des Rheins. Diese Einteilung entsprach vor allem römischen politischen und militärischen Ordnungsvorstellungen. Der Rhein war keine eindeutige ethnische oder kulturelle Grenze.
Der römische Historiker Tacitus beschrieb um 98 n. Chr. in seiner Schrift Germania die Lebensweise, Gesellschaft und Religion der Bewohner Germaniens. Seine Darstellung ist jedoch keine neutrale ethnographische Untersuchung. Tacitus kannte das Gebiet vermutlich nicht aus eigener Anschauung und benutzte die vermeintlich einfachen und sittenstrengen Germanen teilweise als Gegenbild zur römischen Gesellschaft.
Die Menschen, die von den Römern als Germanen bezeichnet wurden, verstanden sich wahrscheinlich vor allem als Angehörige lokaler Gemeinschaften und politischer Verbände. Antike Autoren nennen unter anderem Cherusker, Sueben, Chatten, Friesen und Markomannen. Solche Gruppen waren keine über Jahrhunderte unveränderten „Stämme“, sondern konnten sich auflösen, neu bilden oder weitere Menschen aufnehmen.
Der sprachwissenschaftliche Begriff germanisch bezeichnet einen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie. Aus germanischen Sprachformen entwickelten sich unter anderem Deutsch, Englisch, Niederländisch, Friesisch und die skandinavischen Sprachen. Sprachliche Verwandtschaft beweist jedoch keine gemeinsame politische oder ethnische Identität. Die Begriffe „germanische Sprachen“ und „Germanen“ sind daher nicht gleichbedeutend.
Die meisten Gemeinschaften lebten von Landwirtschaft und Viehzucht. Sie bewohnten überwiegend kleinere Siedlungen mit Wohnstallhäusern, Speichern und Werkstätten. Archäologische Funde zeigen soziale Unterschiede: Reich ausgestattete Gräber, Waffen, große Hofanlagen und importierte Luxusgegenstände weisen auf einflussreiche Familien und regionale Eliten hin.
Die Beziehungen zum Römischen Reich bestanden nicht nur aus kriegerischen Auseinandersetzungen. Neben Feldzügen, Grenzkonflikten und der Niederlage des Varus im Jahr 9 n. Chr. gab es intensiven Handel, politische Bündnisse und militärische Zusammenarbeit. Menschen aus germanischen Gemeinschaften dienten im römischen Heer, während römische Münzen, Waffen, Keramik und Glasgefäße weit über die Reichsgrenzen hinaus verbreitet waren.
Über die Religion dieser Bevölkerungsgruppen ist nur wenig Sicheres bekannt. Opferplätze, Moorfunde, Waffenweihungen, Amulette und frühe Runeninschriften belegen unterschiedliche regionale Kulte. Die erst im Mittelalter aufgezeichnete nordische Mythologie darf nicht unverändert auf alle germanischsprachigen Gemeinschaften der Antike übertragen werden. Eine überall einheitliche „germanische Religion“ existierte vermutlich nicht.
Seit dem 3. Jahrhundert entstanden größere politische Verbände wie Franken, Alamannen, Goten und Sachsen. Auch diese Gruppen waren keine biologisch geschlossenen Abstammungsgemeinschaften, sondern wandelbare Bündnisse, die Menschen unterschiedlicher Herkunft aufnehmen konnten.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Germanen nationalistisch und rassistisch verklärt. Besonders der Nationalsozialismus konstruierte aus ihnen ein angeblich einheitliches „germanisches Urvolk“. Diese Vorstellung ist wissenschaftlich widerlegt. Die heutigen Deutschen sind weder die ausschließlichen noch die unmittelbaren Nachfahren der antiken Bewohner Germaniens.
In der modernen Forschung wird der Begriff „Germanen“ deshalb nur vorsichtig verwendet. Er bezeichnet eine Vielzahl sprachlich, kulturell und politisch unterschiedlicher Gemeinschaften, die in engem Austausch mit dem Römischen Reich und anderen europäischen Bevölkerungen standen.
