Der Phönix ist ein mythischer Vogel, der in der späteren europäischen Überlieferung für Tod, Erneuerung und Wiedergeburt steht. Berühmt wurde vor allem die Vorstellung, er verbrenne sich selbst und erstehe anschließend aus seiner Asche neu. Dieses Motiv gehört jedoch nicht zur ältesten Form der Überlieferung. Nach heutigem Forschungsstand entstand der Phönixmythos schrittweise aus ägyptischen, griechischen und römischen Vorstellungen. Eine wichtige Grundlage bildete der ägyptische Benu-Vogel von Heliopolis.
Der Benu-Vogel von Heliopolis
Das religiöse Zentrum der Benu-Tradition war Iunu, das griechische Heliopolis, im heutigen Kairo. Heliopolis galt in der ägyptischen Religion als Ort der Weltschöpfung und des ersten Sonnenaufgangs. Nach der heliopolitanischen Kosmologie erhob sich der Schöpfergott Atum aus dem Urwasser und erschien auf dem ersten Land, dem Urhügel beziehungsweise Benben.
Mit diesem schöpferischen Erscheinen war der Benu verbunden. Bereits die Pyramidentexte des Alten Reiches nennen den Benben im Heiligtum des Benu in Heliopolis. Der Vogel galt als Verkörperung oder Erscheinungsform der schöpferischen Sonnenkraft und wurde mit Atum und Re, später auch mit Osiris, verbunden.
In ägyptischen Darstellungen erscheint der Benu meist als langbeiniger, reiherartiger Vogel mit zwei langen Hinterkopffedern. Er konnte eine Sonnenscheibe oder die Atef-Krone des Osiris tragen. Im ägyptischen Totenbuch ermöglicht ein Spruch dem Verstorbenen, sich in einen Benu-Vogel zu verwandeln. Der Vogel steht dort für Erneuerung, Wiedererscheinen und das Weiterleben des Verstorbenen.
Die ägyptische Vorstellung der Wiedergeburt war vor allem zyklisch. Sie orientierte sich am täglichen Untergang und Wiederaufgang der Sonne, an den Kreisläufen des Nils und an der Wiederbelebung des Osiris. Der Benu verkörperte daher weniger eine einmalige Auferstehung als die beständige Erneuerung der kosmischen Ordnung.
Der Phönix bei Herodot
Die älteste ausführlichere griechische Beschreibung des Phönix stammt von Herodot aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Er berichtet von einem heiligen Vogel, der mit Heliopolis verbunden sei und nur alle fünfhundert Jahre erscheine. Der Vogel sei etwa so groß wie ein Adler und habe goldenes und rotes Gefieder.
Nach Herodots Erzählung komme der Phönix aus Arabien, trage den Leichnam seines Vaters in einer Hülle aus Myrrhe nach Heliopolis und bestatte ihn dort im Tempel des Sonnengottes. Herodot selbst erklärt, dass er diese Geschichte nur vom Hörensagen kenne und sie für unglaubwürdig halte.
Sein Bericht enthält ägyptische Motive wie Heliopolis, Sonnenkult, Totensorge und aromatische Einbalsamierungsstoffe. Gleichzeitig unterscheidet sich sein Phönix deutlich vom ägyptischen Benu. Er erscheint als adlerartiger, rotgoldener Vogel und bestattet seinen Vorgänger. Von Selbstverbrennung oder Auferstehung aus Asche ist noch keine Rede.
Entstehung des Feuermotivs
Die moderne Forschung betrachtet den griechisch-römischen Phönix daher nicht als bloße Übersetzung des Benu. Vielmehr entstand er durch die Verbindung mehrerer Traditionen. Der ägyptische Sonnen- und Schöpfungsvogel wurde mit griechischen Vorstellungen von außergewöhnlicher Langlebigkeit sowie später mit römischen Ideen von Tod, Vergöttlichung und Welterneuerung verbunden.
Auch bei Ovid entsteht der neue Phönix noch nicht unmittelbar aus Asche, sondern aus den Überresten seines Vorgängers. Erst in der römischen Kaiserzeit wurde der Tod des Vogels zunehmend mit einem Scheiterhaufen aus Gewürzen und aromatischen Hölzern verbunden. Die vollständige Erzählung von Selbstverbrennung und Wiedergeburt aus der Asche entwickelte sich vor allem in der Spätantike.
Für dieses Feuermotiv sind keine eindeutigen ägyptischen Vorlagen bekannt. Wahrscheinlich entstand es im römischen Umfeld, beeinflusst durch Brandbestattung, kaiserliche Scheiterhaufen und Vorstellungen kosmischer Erneuerung.
Bedeutung
Im Römischen Reich wurde der Phönix zum Symbol der Erneuerung von Herrschaft und Weltzeit. Christliche Autoren deuteten ihn später als Sinnbild für die Auferstehung Christi und die Auferstehung der Toten. In Mittelalter und Neuzeit entwickelte er sich schließlich zu einem allgemeinen Zeichen für Hoffnung, Unsterblichkeit und einen Neuanfang nach Zerstörung.
Der Phönix ist somit nicht einfach der ägyptische Benu unter einem anderen Namen. Sein ältester religiöser Kern liegt jedoch in den Schöpfungs- und Sonnenvorstellungen von Heliopolis. Aus Ägypten stammen die Verbindung mit dem ersten Sonnenaufgang, der zyklischen Erneuerung und dem Weiterleben der Toten. Selbstverbrennung und Auferstehung aus der Asche sind dagegen spätere griechisch-römische Weiterentwicklungen.
