Als Mysterientradition werden religiöse oder esoterische Überlieferungen bezeichnet, in denen bestimmte Rituale, Lehren und Erfahrungen nur durch eine Einweihung zugänglich werden. Der Begriff leitet sich vom griechischen mystērion ab und bezeichnete ursprünglich einen geheimen, Eingeweihten vorbehaltenen Ritus.
Historische Beispiele sind die antiken Mysterien von Eleusis, Samothrake sowie die Kulte um Dionysos, Isis, Kybele oder Mithras. Sie bildeten keine einheitliche Religion, teilten jedoch Merkmale wie rituelle Reinigung, Verschwiegenheit, symbolische Prüfungen und die Hoffnung auf eine besondere Beziehung zur Gottheit oder ein günstiges Schicksal nach dem Tod.
Das „Geheimnis“ einer Mysterientradition besteht nicht ausschließlich in verborgenem Wissen. Entscheidend ist vielmehr eine religiöse Erfahrung, deren Bedeutung an die persönliche Teilnahme am Ritual gebunden ist. Typische Motive sind Abstieg und Rückkehr, Dunkelheit und Licht, Tod und Erneuerung sowie der Übergang von einem bisherigen in einen neuen geistigen oder religiösen Zustand.
Seit der Renaissance und besonders im 19. und 20. Jahrhundert griffen hermetische, freimaurerische, theosophische und moderne pagane Strömungen diese Vorstellungen erneut auf. Dabei handelt es sich meist um Neuinterpretationen und nicht um nachweisbar ununterbrochene Fortsetzungen antiker Kulte.
Religionswissenschaftlich ist „Mysterientradition“ daher ein Sammelbegriff für unterschiedliche initiatorische Formen von Religiosität. Dabei sollte zwischen historisch belegten Überlieferungen, modernen Rekonstruktionen und religiösen Vorstellungen von einer verborgenen, zeitlosen Weisheit unterschieden werden.
