Hildegard von Bingen (1098–1179) war eine deutsche Benediktinerin, Äbtissin, Visionärin, Theologin, Komponistin und Verfasserin naturkundlicher Schriften. Sie zählt zu den bedeutendsten religiösen Persönlichkeiten des europäischen Mittelalters.
Hildegard lebte zunächst im Kloster auf dem Disibodenberg und gründete später die Frauenklöster Rupertsberg bei Bingen und Eibingen. Aufgrund ihrer Visionen gewann sie ungewöhnlich große öffentliche Autorität. Sie korrespondierte mit Päpsten, Bischöfen und Herrschern, unternahm Predigtreisen und kritisierte kirchliche wie politische Missstände.
Ihre wichtigsten theologischen Werke sind „Scivias“, der „Liber vitae meritorum“ und der „Liber divinorum operum“. Darin entwirft sie eine christliche Kosmologie, in der Mensch, Natur und göttliche Ordnung eng miteinander verbunden sind. Ein zentraler Begriff ihres Denkens ist viriditas, die „Grünkraft“ oder schöpferische Lebendigkeit, die sich in Natur, körperlicher Gesundheit und geistlicher Erneuerung zeigt.
Mit Hildegard werden außerdem die natur- und heilkundlichen Werke „Physica“ und „Causae et curae“ verbunden. Sie behandeln Pflanzen, Tiere, Ernährung, Krankheiten und Heilmittel auf Grundlage mittelalterlicher Medizin, Klosterwissen und christlicher Naturphilosophie. Die moderne sogenannte „Hildegard-Medizin“ ist jedoch nur teilweise mit ihren historischen Schriften gleichzusetzen.
Hildegard hinterließ zahlreiche liturgische Gesänge sowie das geistliche Musikdrama „Ordo Virtutum“. Ihre Kompositionen gehören zu den umfangreichsten erhaltenen Werken einer namentlich bekannten mittelalterlichen Komponistin. 2012 wurde sie von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben.
Bedeutung für den modernen Paganismus
Hildegard war historisch keine Pagane, Hexe oder Vertreterin einer vorchristlichen Religion, sondern eine ausdrücklich christliche Ordensfrau. Dennoch wird sie heute auch in feministischen, naturspirituellen, ökofeministischen und teilweise pagan geprägten Milieus rezipiert.
Anknüpfungspunkte sind vor allem ihre Vorstellung einer lebendigen Natur, der Begriff viriditas, ihre kosmischen Visionen sowie weibliche Personifikationen von Weisheit und göttlicher Liebe. In moderner Göttinnenspiritualität und im Paganismus wird sie daher mitunter als Vorbild weiblicher spiritueller Autorität oder als Brückenfigur zwischen christlicher Mystik und Naturspiritualität verstanden.
Solche Deutungen sind moderne Neuinterpretationen. Hildegards Naturverständnis blieb fest in der christlichen Schöpfungs- und Erlösungstheologie verankert. Für den modernen Paganismus ist sie daher keine historische Vorläuferin, sondern vor allem eine Inspirationsfigur für ökologische Spiritualität, Pflanzenkunde, Musik und die Vorstellung einer weiblich geprägten religiösen Autorität.