Lexikon

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  • Julbock

    Der Julbock, in Skandinavien unter Namen wie Julbocken, julebukk oder joulupukki bekannt, ist heute vor allem als aus Stroh gebundene Ziege mit roten Bändern präsent, die zur Weihnachtszeit Häuser und Plätze schmückt. Hinter dieser scheinbar harmlosen Dekoration steht jedoch ein sehr viel älterer Brauch aus dem nord- und mitteleuropäischen Raum. In älteren Quellen wird der Julbock als Teil der vorweihnachtlichen und julzeitlichen Volksbräuche beschrieben: Er taucht in Maskenumzügen auf, als mit Fell, Hörnern und Maske verkörperte Gestalt, die von Haus zu Haus zieht, Lärm macht, die Menschen erschreckt, Lieder singt und Gaben fordert. In manchen Regionen Norwegens und darüber hinaus hat sich dieses „julebukking“ bis in die Neuzeit gehalten, bevor es vom modernen Weihnachtsbrauchtum überformt wurde.

    Volkskundliche Forschungen ordnen den Julbock in einen Komplex von Jul- und Erntebräuchen ein, in denen Ziegen und Getreide eng miteinander verbunden sind. Besonders wichtig ist die letzte Garbe des Getreides, die als Trägerin des Erntegeistes galt. In Schweden konnte diese Garbe selbst „Julbock“ heißen und wurde nicht selten in Ziegenform gebunden. Die symbolische Ziege steht hier für Fruchtbarkeit, Fülle und das Fortleben der Erntekraft über den Winter hinweg. Im Laufe der Neuzeit wandelte sich die Rolle dieser Gestalt: Aus der wilden, mitunter furchteinflößenden Maskenfigur, die eher Gaben forderte, wurde nach und nach ein Gabenbringer, bevor diese Rolle in Skandinavien weitgehend von Figuren wie dem jultomte oder julenisse übernommen wurde. Der Bock blieb, in dieser neuen Konstellation, als Strohfigur und festes Symbol der Weihnachtszeit bestehen.

    Immer wieder wird gefragt, ob der Julbock mit dem Donnergott Thor und seinen beiden Ziegen Tanngrisnir und Tanngnjóstr zusammenhängt, die in der Edda beschrieben werden. In der nordischen Mythologie ziehen diese Ziegen Thors Wagen, können geschlachtet und durch den Hammer wiederbelebt werden und verkörpern damit Kraft, Überfluss und zyklische Erneuerung. Es liegt nahe, den Julbock in dieses Bildfeld zu stellen, und tatsächlich verweisen zahlreiche populäre Darstellungen und einige Nachschlagewerke auf eine mögliche Verbindung. Aus streng quellenkritischer Sicht muss man jedoch vorsichtig bleiben: Es gibt keine erhaltene heidnische oder frühmittelalterliche Quelle, die ausdrücklich sagt, dass die Julbock-Bräuche Thor geweiht seien. Was sich sicher sagen lässt, ist, dass Ziegen im germanischen Raum allgemein eine starke mythische Aufladung besitzen – Thor ist eine prominente Ausprägung dieses Zusammenhangs, aber die genaue Linie vom Kult um Thors Ziegen zur späteren Volksfigur Julbock lässt sich nicht lückenlos nachweisen.

    Zusammenfassend lässt sich festhalten: Der Julbock ist ein vorchristliches Ziegensymbol des nordischen Julfestes, das aus Ernte- und Winterbräuchen hervorgegangen ist und sich im Zusammenspiel von Volksglaube, christlicher Weihnachtsfeier und neuzeitlicher Festkultur stark verändert hat. Die Nähe zu Thor und seinen Ziegen ist plausibel und kulturell naheliegend, bleibt aber eine Deutung, keine gesicherte Tatsache. Sicher belegt ist vor allem die Verbindung zu Erntegarben, Fruchtbarkeits- und Winterbräuchen und die spätere Umprägung zur weihnachtlichen Strohziege, die bis heute in Skandinavien allgegenwärtig ist.

  • Julkranz

    Der sogenannte Jul- oder Yulekranz ist heute ein verbreitetes Element winterlicher Dekoration im Umfeld der Wintersonnenwende, des Weihnachtsfestes sowie moderner heidnischer Yule-Feiern. Oft wird er als Kreis aus immergrünen Zweigen gestaltet und mit Kerzen oder Bändern geschmückt. Historisch jedoch lässt sich ein solcher Kranz nicht eindeutig als fester Bestandteil des vorchristlichen Julfestes belegen. Zwar sind aus der germanischen und skandinavischen Winterritualtradition verschiedene Elemente überliefert – darunter das Entzünden großer Feuer, kultische Handlungen, Festmahle und die symbolische Bedeutung der Rückkehr des Lichts –, doch nennen die Quellen keinen konkreten Kranzbrauch als Teil der altnordischen Julfeiern.

    Immergrüne Pflanzen spielten im europäischen Winterbrauchtum seit Jahrhunderten eine Rolle, da sie im Dunkel der Jahreszeit Lebenskraft und Beständigkeit symbolisierten. Auch der Kreis war in vielen alten Kulturen ein Sinnbild für Unendlichkeit, Jahreszyklus und Leben. Solche Sinnzuschreibungen erklären, warum ein Kranz aus immergrünen Zweigen heute als passendes Symbol für Yule empfunden wird. Dennoch handelt es sich überwiegend um eine moderne Weiterentwicklung und nicht um ein historisch belegtes Ritual des alten Julfestes. Der heutige Julkranz ist damit primär ein Symbol, das ältere Formen der Winterdekorationen aufgreift und neu interpretiert – sowohl im weihnachtlichen als auch im neuheidnischen Kontext.

    Hat der Nationalsozialismus den „Julkranz“ erfunden?

    Ein verbreiteter Irrtum ist die Vorstellung, der Julkranz stamme aus der Zeit des Nationalsozialismus. Tatsächlich gibt es keine Quelle, die besagt, dass ein solcher Kranz von den Nationalsozialisten erfunden oder ideologisch neu eingeführt wurde. Kränze aus immergrünen Zweigen waren lange vorher in Europa verbreitet – als Winter- und Weihnachtsdekoration oder als allgemeines Symbol für Leben und Jahreskreis.

    Wichtig ist die Abgrenzung zum Julleuchter, einem Kerzenhalter, der in der NS-Zeit gezielt als ideologisch aufgeladenes Ritualobjekt geschaffen und verbreitet wurde. Der Julleuchter wurde seit Mitte der 1930er-Jahre von der SS produziert und an Mitglieder als Auszeichnung vergeben. Er gehörte zum Versuch, ein „germanisch“ inspiriertes, staatliches Winterfest zu etablieren. Dieses Objekt ist klar eine NS-Neuschöpfung – der Julkranz hingegen nicht. Die Gleichsetzung beider Begriffe entsteht häufig aus Unkenntnis, ist aber historisch unzutreffend.

    Der Julkranz ist somit ein modernes Symbol, das vor allem im 20. und 21. Jahrhundert im Rahmen winterlicher Natur- und Jahreskreisdeutungen Bedeutung gewonnen hat, ohne dass er mit dem ideologisch motivierten NS-Julleuchter verwechselt werden darf.