A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z
Ja Ju

Julleuchter

Verfasst von

in

Der Julleuchter ist ein turmförmiger Kerzenhalter aus Keramik, der in der Zeit des Nationalsozialismus zum Kultgegenstand der SS gemacht wurde. Er wird gelegentlich fälschlich als altes germanisches oder heidnisches Symbol dargestellt. Tatsächlich besitzt er keine nachweisbaren vorchristlichen oder heidnischen Wurzeln.

Als äußeres Vorbild diente ein neuzeitlicher skandinavischer Turmleuchter, der ursprünglich ein gewöhnlicher Haushaltsgegenstand war. Erst der völkische Ideologe Herman Wirth deutete seine Verzierungen in den 1930er-Jahren als angeblich uralte germanische Symbole. Diese Deutungen waren pseudowissenschaftlich und Teil einer rassistischen Vorstellung von einer „nordischen Urkultur“.

Unter Heinrich Himmler wurde der Leuchter in das Brauchtum der SS aufgenommen. Er kam bei sogenannten Julfeiern sowie bei Geburten, Eheschließungen und Todesfällen zum Einsatz und sollte christliche Traditionen durch eine vermeintlich germanische Ritualkultur ersetzen. Hergestellt wurde er vor allem von der SS-eigenen Porzellanmanufaktur Allach, teilweise unter Einsatz von KZ-Häftlingen.

Der Julleuchter ist daher eindeutig eine nationalsozialistische Brauchtumserfindung. Seine Verbindung mit dem historischen Julfest wurde erst im 20. Jahrhundert konstruiert. Im modernen Paganismus kann er nicht als rekonstruiertes heidnisches Symbol gelten, sondern nur als Zeugnis nationalsozialistischer Geschichts- und Religionsfälschung.

Weitere Beiträge