Der Brocken im Harz gilt als bekanntester „Hexenberg“ Deutschlands. Das Bild von Hexen, die in der Walpurgisnacht zum Gipfel fliegen und dort mit dem Teufel tanzen, ist jedoch keine nachweisbare vorchristliche Überlieferung. Für einen historischen Hexenkult, germanische Frühlingsrituale oder regelmäßige heidnische Versammlungen auf dem Brocken fehlen belastbare Quellen.
Die früheste bekannte Verbindung zwischen dem Brocken und einem Hexentreffen stammt aus einem Hexenprozess von 1540. Die beschuldigte Grete Wroist soll erklärt haben, in der Walpurgisnacht zum Teufelstanz auf den Brocken geflogen zu sein. Solche Aussagen entstanden häufig unter suggestiven Verhören, Zwang oder Folter und belegen keine tatsächlichen Versammlungen. Sie spiegeln vielmehr die Hexenvorstellungen der frühneuzeitlichen Verfolger wider.
Im 16. und 17. Jahrhundert verbreiteten gelehrte und volkstümliche Schriften die Vorstellung vom Brocken als Hexentanzplatz. Besonders einflussreich war Johannes Praetorius’ 1668 erschienenes Werk Blockes-Berges Verrichtung, das Berichte und Sagen über Hexen, Dämonen und Geister sammelte. Überregionale Bekanntheit erhielt der Brockenmythos schließlich durch Johann Wolfgang von Goethes Faust I von 1808. In der Szene „Walpurgisnacht“ führt Mephistopheles Faust zum Hexenfest auf den Blocksberg.
Seit dem 19. Jahrhundert wandelte sich die Brockenhexe von einer dämonischen Schreckensgestalt zu einer Figur der Literatur, Folklore und touristischen Unterhaltung. Heute wird die Walpurgisnacht im Harz mit Kostümen, Musik, Feuer und Theater gefeiert. Auch moderne Pagane können sie als spirituelles Frühlingsfest oder in Verbindung mit Beltane begehen. Dabei handelt es sich jedoch um moderne religiöse Deutungen, nicht um die Fortsetzung eines historisch belegten Brockenrituals.
Die Hexengeschichte des Brockens verbindet somit drei Ebenen: die reale Verfolgung unschuldiger Menschen, die daraus entstandene Sagen- und Literaturtradition sowie die moderne touristische und spirituelle Nutzung des Hexenmotivs.
