Eine Sigille ist ein grafisches Zeichen, das in magischen oder okkulten Zusammenhängen eine Person, Geistwesenheit, Kraft oder Absicht repräsentiert. Sie kann als bildhafte Unterschrift, als Kennzeichen einer übernatürlichen Macht oder als verschlüsselte Darstellung eines persönlichen Wunsches dienen.
Das Wort geht auf das lateinische sigillum zurück und bedeutet ursprünglich „kleines Bild“, „Siegelstempel“ oder „Siegelabdruck“. Es ist mit signum, „Zeichen“ oder „Kennzeichen“, verwandt. Ein Sigill war daher zunächst kein magischer Begriff, sondern ein Zeichen, das Identität, Herkunft oder Autorität bestätigte.
Im Deutschen lautet die traditionelle Form das Sigill, im Plural die Sigille. In der modernen Magieliteratur wird jedoch häufig auch der feminine Singular die Sigille verwendet. Davon zu unterscheiden ist das Sigel, das heute meist ein festgelegtes Abkürzungs- oder Kennzeichen bezeichnet.
Magische Siegel
Die magische Bedeutung entstand aus der Funktion des Siegels als Zeichen von Identität und Vollmacht. In mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Zauberbüchern wurden Engeln, Dämonen, Planeten und anderen Mächten besondere Siegel oder „Charaktere“ zugeordnet. Diese Zeichen sollten eine Wesenheit nicht nur abbilden, sondern sie rituell kennzeichnen, anrufen oder gegenwärtig machen.
Bekannte Beispiele finden sich im Lemegeton, auch Lesser Key of Solomon genannt. Dort besitzt jeder beschriebene Geist ein eigenes Siegel. Solche Sigille bestehen häufig aus Linien, Kreisen, Buchstaben, astrologischen Symbolen oder geometrischen Formen. Manche wurden aus Namen, andere mithilfe magischer Quadrate gebildet.
Moderne Wunschsigillen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutete der englische Künstler und Okkultist Austin Osman Spare die Sigille neu. Sie war bei ihm nicht mehr vor allem das überlieferte Zeichen einer äußeren Wesenheit, sondern ein selbst geschaffenes Symbol für einen persönlichen Wunsch oder Willensakt.
Dabei wird eine Absicht zunächst in einem kurzen Satz formuliert. Die Buchstaben werden anschließend reduziert, verbunden und zu einem abstrakten Zeichen umgestaltet. Der ursprüngliche Satz soll darin nicht mehr unmittelbar erkennbar sein. Nach Spare sollte die Absicht dadurch der bewussten Kontrolle entzogen und im Unbewussten verankert werden.
Diese Methode wurde seit den 1970er Jahren zu einer wichtigen Praxis der Chaosmagie. Dort werden Sigille meist als individuell geschaffene Zeichen verstanden, mit denen ein bestimmter Wunsch oder Wille symbolisch verdichtet wird.
Bedeutung
Der Begriff besitzt daher zwei historische Hauptbedeutungen:
In älteren magischen Traditionen ist ein Sigill das überlieferte Siegel einer Wesenheit oder Kraft. In moderner Sigillen- und Chaosmagie ist es meist das selbst entworfene Zeichen einer Absicht.
Beiden Formen gemeinsam ist die Verdichtung: Ein Name, eine Macht, eine Identität oder ein Wunsch wird in ein einzelnes grafisches Zeichen übertragen.