Historische Phase und lebendige Tradition
Neuheidentum, auch moderner Paganismus oder Neopaganismus genannt, bezeichnet gegenwärtige religiöse Bewegungen, die sich auf vorchristliche Religionen, Mythologien und Weltbilder beziehen. Das Präfix neu- kann dabei sinnvoll sein, wenn es eine historische Phase kennzeichnet. Es sollte jedoch nicht als Werturteil verstanden werden. Eine Religion ist nicht weniger bedeutsam, nur weil ihre heutige Gestalt unter modernen Bedingungen entstanden ist.
Die Einteilung nach Isaac Bonewits
Der amerikanische Religionsautor und Druide Isaac Bonewits entwickelte eine Dreiteilung, um verschiedene historische Formen des Paganismus zu unterscheiden. Er sprach von Paläopaganismus, Mesopaganismus und Neopaganismus. Diese Begriffe bezeichnen keine streng voneinander getrennten Entwicklungsstufen, sondern idealtypische Kategorien mit fließenden Übergängen.
Paläopaganismus
Als Paläopaganismus bezeichnete Bonewits ursprüngliche polytheistische und lokale Religionen, solange sie innerhalb ihrer Gesellschaften als zusammenhängende Glaubens- und Kultsysteme bestanden. Dazu zählen etwa die Religionen des antiken Griechenlands und Roms sowie die vorchristlichen Religionen keltischer und germanischer Kulturen.
Diese Religionen waren keine bewussten Wiederbelebungen einer vergangenen Tradition, sondern Bestandteile des gesellschaftlichen, politischen und familiären Lebens ihrer Zeit. Religion war meist eng mit Recht, Landwirtschaft, Gemeinschaft, Ahnenverehrung und öffentlichem Kult verbunden.
Bonewits’ Einordnung lebender indigener und asiatischer Religionen in diese Kategorie gilt heute allerdings als zu weit und teilweise problematisch. Sein Modell eignet sich daher vor allem zur Beschreibung westlicher heidnischer Wiederbelebungsbewegungen.
Mesopaganismus
Unter Mesopaganismus verstand Bonewits Bewegungen, die ältere heidnische Religionen aufgriffen oder wiederbeleben wollten, dabei jedoch stark von christlichen, monotheistischen oder dualistischen Vorstellungen geprägt blieben.
Hierzu zählte er unter anderem frühneuzeitliche und neuzeitliche Formen des Druidentums, freimaurerische und rosenkreuzerische Systeme sowie verschiedene esoterische Strömungen. Diese Bewegungen interessierten sich für antike Götter, Mysterien, Naturvorstellungen und Mythologien, deuteten sie jedoch häufig innerhalb einer christlich geprägten Kultur.
Historisch lässt sich diese Zwischenphase besonders mit Renaissance, Aufklärung, Romantik und westlichem Okkultismus verbinden. In dieser Zeit wurden antike Religionen zunehmend als mögliche Quellen von Philosophie, Naturverbundenheit, Dichtung und spiritueller Erneuerung betrachtet.
Neopaganismus
Als Neopaganismus bezeichnete Bonewits moderne Religionen, die Elemente vorchristlicher Traditionen bewusst mit zeitgenössischen Wertvorstellungen und neuen religiösen Formen verbinden. Ihre unmittelbare Entwicklung begann vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, auch wenn ihre geistigen Vorläufer weiter zurückreichen.
Zu dieser Phase gehören beispielsweise Wicca, moderne druidische Gemeinschaften, Ásatrú, Hellenismos, Religio Romana sowie weitere polytheistische, animistische und göttinnenorientierte Traditionen. Manche bemühen sich um eine möglichst genaue Rekonstruktion historischer Religionen. Andere verstehen die Vergangenheit eher als Inspirationsquelle für eine ausdrücklich moderne Spiritualität. Deshalb wird in der Religionswissenschaft häufig von modernen Paganismen im Plural gesprochen.
Was bedeutet „neu“?
Die Bezeichnung Neuheidentum ist legitim, wenn sie eine zeitliche und kulturelle Unterscheidung ausdrückt. Ein heutiges Ritual zu Ehren Odins, Apollons oder Isis findet unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen statt als ein antiker Kult. Moderne Menschen leben nicht in den Rechtsordnungen, Wirtschaftsformen und Gemeinschaftsstrukturen früherer Kulturen. Selbst eine sorgfältig rekonstruierte Religion muss historische Quellen auswählen, deuten und auf heutige Lebensverhältnisse übertragen.
Das Präfix neu- bezeichnet somit eine gegenwärtige Form heidnischer Religion, die sich bewusst auf ältere Überlieferungen bezieht. Es bedeutet nicht, dass diese Religion beliebig, unecht oder ohne Wurzeln wäre.
Religiöse Traditionen waren niemals unveränderlich. Auch antike Religionen nahmen neue Gottheiten auf, verbanden regionale Kulte miteinander, änderten Rituale und reagierten auf politische, soziale und philosophische Entwicklungen. Vergleichbare Veränderungen finden sich in allen großen Religionen. Wandel hebt Tradition daher nicht auf, sondern gehört zu ihrer Geschichte.
Zwischen historischen Wurzeln und gegenwärtiger Gestaltung
Modernes Heidentum schöpft aus antiken Texten, archäologischen Funden, Inschriften, Mythologien, Volksbräuchen und historischen Kultpraktiken. Zugleich wurde es von Romantik, Esoterik, moderner Literatur, feministischer Theologie, ökologischen Bewegungen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Erfahrungen geprägt.
Das Verhältnis zwischen historischen Quellen und moderner Gestaltung ist dabei unterschiedlich. Rekonstruktionistische Gemeinschaften orientieren sich stärker an geschichts-, sprach- und religionswissenschaftlichen Erkenntnissen. Andere Traditionen verbinden bewusst Elemente verschiedener Zeiten und Kulturen. In der Praxis bestehen zahlreiche Übergangsformen.
Auch stark rekonstruktionistische Religionen enthalten moderne Entscheidungen. Umgekehrt können neu geschaffene Rituale ernsthafte Beziehungen zu alten Gottheiten, Mythen und Überlieferungen ausdrücken. Von „tiefen Wurzeln“ zu sprechen ist daher berechtigt, solange keine lückenlose historische Kontinuität behauptet wird, wo sie nicht nachweisbar ist.
Kein Begriff religiöser Minderwertigkeit
Problematisch wird die Bezeichnung Neuheidentum, sobald sie abwertend verwendet wird. Die Behauptung, es handle sich lediglich um „selbst erfundene Religionen“, setzt fälschlich voraus, nur unveränderte oder lückenlos überlieferte Religionen könnten authentisch sein.
Tatsächlich gehören Wiederbelebung, Rückgewinnung, Auswahl und Neugestaltung zur Entstehung und Weiterentwicklung religiöser Traditionen. Jede Religion durchläuft historische Phasen und nimmt Elemente ihres jeweiligen kulturellen Umfelds auf.
Viele Praktizierende bevorzugen dennoch den Ausdruck modernes Heidentum, weil sie das Präfix neo- als unnötige Distanzierung von ihren religiösen Vorbildern empfinden. Beide Bezeichnungen sind möglich. Entscheidend ist ihre Verwendung: Als historischer Ordnungsbegriff kann Neuheidentum Klarheit schaffen. Als Behauptung religiöser Minderwertigkeit ist der Begriff zurückzuweisen.
Neuheidentum bezeichnet somit keine wurzellose Erfindung, sondern eine moderne Phase heidnischer Religionsgeschichte. Es verbindet historische Überlieferungen mit den Erfahrungen, Erkenntnissen und Anforderungen der Gegenwart. Gerade diese Verbindung macht es zu einer lebendigen religiösen Tradition.