Herne der Jäger, englisch Herne the Hunter, ist eine Gestalt der englischen Sagenwelt, die heute meist als gehörnter Herr des Waldes, Führer der Wilden Jagd oder Naturgott verstanden wird. Historisch lässt sich dieses Bild jedoch erst schrittweise nachvollziehen.
Die früheste sichere Erwähnung findet sich in William Shakespeares Komödie The Merry Wives of Windsor aus dem späten 16. Jahrhundert. Dort erscheint Herne als ehemaliger Wildhüter, dessen Geist nachts mit einem Geweih um eine Eiche im Windsor Forest zieht, Vieh verhext und mit Ketten rasselt. Ob Shakespeare eine ältere lokale Sage aufgriff oder die Figur weitgehend selbst gestaltete, ist ungeklärt. Vor seinem Werk sind keine eindeutigen schriftlichen Belege bekannt.
Im 19. Jahrhundert wurde Herne literarisch weiterentwickelt. Besonders William Harrison Ainsworths Roman Windsor Castle von 1842 prägte das spätere Bild. Ainsworth machte aus dem lokalen Spukgeist einen dämonischen Jäger mit Hirschschädel, Hunden und einer Gefolgschaft verdammter Reiter. Dadurch wurde Herne zunehmend mit Motiven der Wilden Jagd verbunden.
Die Deutung als vorchristlicher Gott entstand vor allem im 20. Jahrhundert. Margaret Murray stellte Herne in den Zusammenhang eines angeblich uralten Gehörnten Gottes und verband ihn mit Gestalten wie Pan und Cernunnos. Diese Gleichsetzung ist historisch nicht belegt, beeinflusste jedoch Wicca und andere neuheidnische Strömungen nachhaltig.
Eine besonders bekannte moderne Darstellung entstand durch die britische Fernsehserie Robin of Sherwood von 1984 bis 1986, im deutschen Fernsehen meist unter dem Titel Robin Hood ausgestrahlt. Dort erscheint Herne als geheimnisvoller, hirschgehörnter Herr des Waldes, der Robin beruft und geistig führt. Die Verbindung zwischen Herne und Robin Hood ist eine moderne Erfindung, wurde durch die Serie aber außerordentlich populär.
Im modernen Heidentum wird Herne heute unterschiedlich verstanden: als eigenständiger englischer Waldgott, als Erscheinungsform des Gehörnten Gottes, als Herr der Wilden Jagd oder als Geist wilder Natur. Er kann für Jagd, Tod, Erneuerung, Grenzerfahrung und die ungezähmte Kraft des Waldes stehen.
Historisch ist Herne daher nicht als sicher belegte vorchristliche Gottheit anzusehen. Seine heutige Gestalt entstand aus einer Verbindung von Shakespeare, lokaler Folklore, romantischer Literatur, moderner Religionsgeschichte und Popkultur. Gerade diese Entwicklung macht ihn zu einer typischen Gestalt modernen Heidentums: Er besitzt ältere kulturelle Wurzeln, erhielt seine religiöse Bedeutung jedoch überwiegend in der Neuzeit.
