Als Spiraltanz wird eine gemeinschaftliche Tanzform bezeichnet, bei der sich eine Reihe miteinander verbundener Menschen spiralförmig nach innen und anschließend wieder nach außen bewegt. Die Teilnehmenden folgen gewöhnlich einer führenden Person, während sie einander an den Händen halten. Durch die gegenläufigen Bewegungen begegnen sich die Tanzenden wiederholt, bis sich die Spirale schließlich erneut zu einem Kreis oder einer offenen Reihe entfaltet.
Spiral- und Kreistänze sind in unterschiedlichen historischen und volkskulturellen Zusammenhängen bekannt. Ein direkter Nachweis, dass der heutige pagan-religiöse Spiraltanz unverändert aus einer bestimmten vorchristlichen Tradition überliefert worden sei, besteht jedoch nicht. Seine gegenwärtige Form ist vor allem eine moderne rituelle Praxis, die ältere Tanzmotive mit zeitgenössischen spirituellen Vorstellungen verbindet.
Besondere Bekanntheit erhielt der Spiraltanz durch die US-amerikanische Autorin und Aktivistin Starhawk. Ihr 1979 veröffentlichtes Buch The Spiral Dance wurde zu einem einflussreichen Werk der feministischen Hexenreligion und der modernen Göttinnenspiritualität. Starhawk gehört zu den prägenden Personen der Reclaiming–Tradition, die Paganismus, feministische Theologie, ökologische Verantwortung, Ritualarbeit und politischen Aktivismus miteinander verbindet.
In Reclaiming-Ritualen wird der Spiraltanz häufig zur Erzeugung von Gemeinschaft und ritueller Intensität verwendet. Die Teilnehmenden bewegen sich zugleich als Einzelne und als miteinander verbundene Gruppe. Während sich die Spirale zusammenzieht, verdichtet sich die Gemeinschaft räumlich und emotional. Beim erneuten Öffnen verteilt sich die aufgebaute Kraft wieder im Raum. Der Tanz kann deshalb als körperliche Darstellung von Sammlung und Entfaltung, Einatmen und Ausatmen oder Rückkehr und Erneuerung verstanden werden.
Charakteristisch ist, dass die Tanzenden einander während der Bewegung mehrfach begegnen. Dadurch wird Gemeinschaft nicht als starre Einheit dargestellt, sondern als fortwährender Prozess von Annäherung, Begegnung und Loslassen. Die einzelne Person behält ihren Platz und ihre Eigenständigkeit, bleibt aber zugleich Teil einer größeren Bewegung.
Im modernen Paganismus kann der Spiraltanz zu Jahreskreisfesten, Initiationen, Heilungsritualen, politischen Aktionen oder gemeinschaftlichen Feiern getanzt werden. Er symbolisiert häufig die Zyklen der Natur, den Weg in die eigene Mitte, die Verbindung der Menschen untereinander und ihre Einbindung in die lebendige Erde. In feministisch und ökologisch geprägten Traditionen kann er außerdem als Ausdruck gegenseitiger Abhängigkeit und gemeinsamer Verantwortung dienen.
Der Spiraltanz ist daher nicht nur eine Darstellung des Spiralsymbols, sondern dessen rituelle Verkörperung. Seine Bedeutung entsteht vor allem durch die gemeinsame Bewegung: Die Spirale wird nicht lediglich betrachtet, sondern von den Teilnehmenden körperlich erfahren und gemeinschaftlich hervorgebracht.
