Widdershins bezeichnet eine Bewegung gegen den Uhrzeigersinn beziehungsweise entgegen der scheinbaren täglichen Bahn der Sonne. Das Wort begegnet heute vor allem in englischsprachigen Darstellungen von Hexentum, Wicca und modernem Paganismus. Dort bildet es häufig den Gegenbegriff zu deosil oder deasil, der Bewegung im Uhrzeigersinn beziehungsweise „mit der Sonne“.
Die Schreibweise ist nicht einheitlich. Neben widdershins finden sich unter anderem withershins, widdersins und ältere regionale Varianten. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch ist widdershins die bekannteste Form.
Herkunft und ursprüngliche Bedeutung
Das Wort stammt nicht aus einer vermeintlichen allgemein-keltischen oder vorchristlichen Ritualsprache. Es gelangte vielmehr aus dem niederdeutschen und mittelniederländischen Sprachraum in das Schottische. Als sprachliche Vorformen gelten mittelniederdeutsch weddersinnes und verwandte Ausdrücke, die ungefähr „entgegen der Richtung“, „verkehrtherum“ oder „auf dem entgegengesetzten Weg“ bedeuteten.
Der erste Bestandteil entspricht dem deutschen wider im Sinn von „gegen“. Der zweite gehört ursprünglich zu einem Wortfeld für Weg, Richtung oder Reise. Die verbreitete Erklärung, das Wort bedeute wörtlich „gegen die Sonne“, ist daher sprachgeschichtlich zu eng. Die Verbindung mit dem Sonnenlauf entwickelte sich aus der konkreten Verwendung für eine Bewegung entgegen der üblichen oder als natürlich empfundenen Richtung.
Frühe schottische Belege aus dem 16. Jahrhundert verwenden das Wort zunächst allgemein im Sinn von „verkehrt“, „entgegengesetzt“ oder „in die falsche Richtung“. Es konnte beispielsweise beschreiben, dass Haare in ungewöhnlicher Weise abstanden. Später wurde die Bedeutung zunehmend auf eine Bewegung entgegen dem scheinbaren Sonnenlauf und damit gegen den Uhrzeigersinn eingegrenzt.
Gegen die Sonne
In Schottland und anderen Teilen der Britischen Inseln wurde die Bewegung mit dem Sonnenlauf vielfach als glückbringend, ordnend oder schützend verstanden. Die entgegengesetzte Bewegung konnte dementsprechend Unordnung, Unglück oder die Umkehrung gewöhnlicher Verhältnisse symbolisieren.
Die Gleichsetzung von Sonnenlauf und Uhrzeigersinn beruht auf einer Perspektive der nördlichen Erdhalbkugel. In diesem kulturellen Zusammenhang wurde eine Bewegung im Uhrzeigersinn als sunwise, deosil oder deasil bezeichnet. Widdershins war die Bewegung entgegen dieser Richtung.
Schottische Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts dokumentieren entsprechende Vorstellungen. So galt es regional als unglücklich, einen bestimmten Stein dreimal widdershins zu umreiten oder ein Boot vor dem Fischfang entgegen der günstigen Richtung zu wenden. Auch Erzählungen von Personen, die gegenläufig um einen Kessel gingen und dabei Gebete rückwärts sprachen, verbinden die Bewegung mit einer bewussten Umkehrung der normalen Ordnung. Solche Zeugnisse belegen schottischen Volksglauben und literarische Motive, aber keine einheitliche vorchristliche Religion.
Volksglaube, Hexerei und Anderswelt
Weil widdershins als „verkehrte“ Bewegung galt, wurde der Begriff in Erzählungen häufig mit Hexerei, Feen, Unglück oder dem Überschreiten einer Grenze verbunden. Das Umkreisen eines Ortes entgegen dem Sonnenlauf konnte symbolisieren, dass jemand die vertraute menschliche Ordnung verließ und sich einer verborgenen oder gefährlichen Welt näherte.
Besonders Kirchen, Friedhöfe, Steine, Hügel und andere auffällige Orte erscheinen in entsprechenden Überlieferungen als mögliche Schwellen. Wer sie auf ungewöhnliche Weise umkreiste, verletzte gewissermaßen die richtige Ordnung des Ortes. In späterer Folklore und fantastischer Literatur konnte eine Bewegung widdershins deshalb als Weg in die Feenwelt, in das Totenreich oder in einen veränderten Bewusstseinszustand dargestellt werden.
Solche Motive dürfen jedoch nicht pauschal als Reste einer geschlossenen „heidnischen Lehre“ verstanden werden. Die erhaltenen Belege stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen. Christlicher Volksglaube, regionale Bräuche, literarische Gestaltung und spätere romantische Vorstellungen haben sich dabei vielfach miteinander vermischt.
Widdershins im modernen Paganismus
Im modernen Paganismus bezeichnet widdershins zunächst schlicht eine Bewegung gegen den Uhrzeigersinn. In vielen Formen des Wicca und der modernen Hexenkunst besitzt diese Richtung darüber hinaus eine symbolische Bedeutung.
Häufig wird deosil mit Aufbau, Wachstum, Anrufung, Segnung oder dem Sammeln von Kraft verbunden. Widdershins steht demgegenüber oft für:
- Auflösen und Beenden,
- Loslassen und Vermindern,
- Bannung und Reinigung,
- Abbau unerwünschter Einflüsse,
- Öffnen oder Aufheben eines zuvor gezogenen Ritualkreises,
- symbolische Verbindung mit Abstieg, Dunkelheit oder Unterwelt.
Ein Ritualkreis kann beispielsweise zunächst deosil gezogen und am Ende widdershins wieder geöffnet werden. Bei einem Reinigungsritual kann die gegenläufige Bewegung ausdrücken, dass Belastungen entfernt werden. In manchen Ritualen wird widdershins außerdem mit dem abnehmenden Mond verbunden, während deosil der zunehmenden Bewegung, dem Aufbau und dem Wachstum zugeordnet wird. Diese Deutungen sind in gegenwärtigen paganen Ritualhandbüchern weit verbreitet.
Es handelt sich jedoch nicht um ein für alle Hexen oder paganen Traditionen verbindliches Gesetz. Manche Gruppen lösen einen Kreis gegen den Uhrzeigersinn auf, andere behalten auch beim Abschluss die Bewegung im Uhrzeigersinn bei. In bestimmten Formen traditioneller Hexenkunst kann die gegenläufige Bewegung mit dem Totenreich, den Ahnen oder einem rituellen Abstieg verbunden sein. Andere Praktizierende verstehen sie lediglich als praktische Gegenbewegung, ohne ihr grundsätzlich eine negative Bedeutung zuzuschreiben.
Keine grundsätzlich „böse“ Richtung
In vereinfachenden Darstellungen wird widdershins gelegentlich als negative oder sogar gefährliche Richtung bezeichnet. Dies entspricht weder der Sprachgeschichte noch der gesamten Bandbreite moderner Praxis.
Die Bewegung kann zwar mit Bannung, Abstieg, Tod oder Auflösung verbunden werden. Diese Vorgänge gelten in paganen Weltbildern jedoch nicht zwangsläufig als böse. Loslassen, Reinigen, Beenden und Zurückführen können notwendige Bestandteile eines Rituals sein. Auch der Abstieg in die Unterwelt kann symbolisch für Erkenntnis, Erinnerung, Wandlung oder Kontakt mit den Ahnen stehen.
Die Bedeutung entsteht daher aus dem jeweiligen Ritualzusammenhang. Eine Bewegung widdershins besitzt keine unabhängig vom handelnden Menschen bestehende moralische Qualität. Entscheidend sind Absicht, Tradition und symbolischer Rahmen.
Die Frage der südlichen Erdhalbkugel
Die Gleichsetzung von deosil mit dem Uhrzeigersinn und widdershins mit dem Gegenuhrzeigersinn entstand auf der nördlichen Erdhalbkugel. Auf der südlichen Erdhalbkugel erscheint die Sonnenbewegung aus einer anderen räumlichen Perspektive. Moderne pagane Gemeinschaften diskutieren daher, ob sie den historischen Richtungsangaben folgen oder die Bewegung an den örtlich wahrgenommenen Sonnenlauf anpassen sollen.
Einige behalten die traditionellen Bedeutungen „deosil gleich Uhrzeigersinn“ und „widdershins gleich Gegenuhrzeigersinn“ bei. Andere verstehen deosil grundsätzlich als Bewegung mit der Sonne und kehren die konkrete Laufrichtung entsprechend um. Wieder andere richten sich nach der individuellen Ritualabsicht. Auch hier zeigt sich, dass es keine allgemein verbindliche pagane Regel gibt.
Bedeutung als rituelles Symbol
Widdershins ist mehr als eine altertümliche Bezeichnung für „gegen den Uhrzeigersinn“. Das Wort verbindet räumliche Bewegung mit Vorstellungen von Ordnung und Gegenordnung. Wer widdershins geht, bewegt sich symbolisch gegen das Gewohnte, löst etwas auf oder überschreitet eine Grenze.
Im modernen Paganismus kann diese Bewegung deshalb für Bannung und Loslassen, aber auch für Innenschau, Abstieg, Ahnenkontakt und Transformation stehen. Ihre Bedeutung ist nicht von Natur aus negativ. Sie ergibt sich aus dem jeweiligen Ritual, der verwendeten Tradition und der Absicht der Beteiligten.
