Frau Holle ist eine Gestalt des deutschsprachigen Märchens, der regionalen Sagenwelt und des historischen Volksglaubens. Bekannt wurde sie vor allem durch das gleichnamige Märchen der Brüder Grimm, das 1812 als Nummer 24 der Kinder- und Hausmärchen erschien. Darüber hinaus begegnet sie unter den Namen Holle oder Holda bereits in mittelalterlichen Quellen und in zahlreichen Überlieferungen aus Hessen, Thüringen und angrenzenden Regionen.
Im Grimm’schen Märchen gelangt ein fleißiges Mädchen durch einen Brunnen in Frau Holles jenseitige Welt. Dort hilft es einem Brot, einem Apfelbaum und schließlich Frau Holle selbst. Besonders sorgfältig muss es deren Bett ausschütteln, denn die fliegenden Federn lassen es auf der Erde schneien. Für seine Hilfsbereitschaft wird das Mädchen mit Gold belohnt. Seine selbstsüchtige Stiefschwester erhält dagegen Pech. Die heute geläufigen Namen Goldmarie und Pechmarie kommen im ursprünglichen Märchentext nicht vor.
Das Märchen behandelt nicht nur Fleiß und Faulheit, sondern vor allem verantwortliches Handeln. Das gute Mädchen hilft, ohne zunächst eine Belohnung zu erwarten, und erkennt, wann Brot, Früchte und Arbeiten vollendet sind. Frau Holle erscheint als unabhängige Instanz der Gerechtigkeit, die Handlungen nach ihrer inneren Haltung bewertet.
Der Brunnen bildet die Grenze zwischen der menschlichen Welt und einem jenseitigen Bereich. Obwohl das Mädchen hinabfällt, gelangt es auf eine helle Wiese. Frau Holles Reich liegt damit zugleich unterhalb und außerhalb der gewöhnlichen Welt, beeinflusst aber durch den Schneefall auch den Himmel. Der Weg durch Brunnen und Tor kann als symbolische Reise, Prüfung oder Reifung verstanden werden. Solche Deutungen beweisen jedoch nicht, dass das Märchen unmittelbar auf einen vorchristlichen Mythos zurückgeht.
In regionalen Sagen erscheint Frau Holle als mächtige Gestalt der winterlichen Nächte. Sie wacht über Spinnen, Hausarbeit und die Einhaltung besonderer Arbeitsverbote während der Weihnachts- und Rauhnächte. Dabei belohnt sie ordentliche Haushalte und bestraft Regelverstöße. Daneben wird sie mit Wetter, Fruchtbarkeit, unterirdischen Wohnorten, Geisterzügen sowie verstorbenen oder noch ungeborenen Kindern verbunden. Als einer ihrer bekanntesten Aufenthaltsorte gilt der Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner in Nordhessen.
Verwandte Gestalten sind unter anderem Frau Percht oder Perchta im süddeutschen und alpinen Raum sowie Frau Gode, Frau Herke und Frau Frick in norddeutschen Überlieferungen. Diese Figuren sind nicht vollständig identisch, teilen jedoch zahlreiche Eigenschaften.
Der Name Holda ist bereits in mittelalterlichen kirchlichen Texten belegt. Eine Quelle des 13. Jahrhunderts erwähnt Frauen, die in der Weihnachtsnacht den Tisch für eine als Frau Holda bezeichnete übernatürliche Gestalt deckten. Solche Zeugnisse zeigen, dass Frau Holle nicht erst durch die Brüder Grimm entstand.
Jacob Grimm deutete Frau Holle als Überrest einer germanischen Göttin. Auch spätere Forschungen halten einen vorchristlichen Hintergrund für möglich und bringen sie teilweise mit Frija beziehungsweise Frigg in Verbindung. Eine eindeutige Gleichsetzung mit Frigg, Freyja, Hel, Nerthus oder einer universalen „Großen Göttin“ ist jedoch nicht nachweisbar. Historisch gesichert ist vor allem die mittelalterliche und neuzeitliche Überlieferung als Volksglaubens- und Sagengestalt.
Im modernen Paganismus wird Frau Holle häufig als Göttin des Winters, der Erde, des Schicksals, der Ahnen, der häuslichen Arbeiten oder der Übergänge zwischen Leben und Tod verehrt. Diese Formen der Verehrung sind moderne religiöse Deutungen und Rekonstruktionen, nicht die nachweisbare Fortsetzung eines lückenlos überlieferten antiken Kultes.
Frau Holle steht somit zwischen Märchen, Sage, Volksglauben und moderner Religion. Sie verkörpert winterliche Naturkräfte, jenseitige Übergänge, die Ordnung der Arbeit und eine Gerechtigkeit, bei der nicht allein das Ergebnis, sondern auch die Haltung des Menschen zählt.
