Die Wilde Jagd ist ein weitverbreitetes Motiv der europäischen Sagenwelt. Sie erscheint als lärmender, übernatürlicher Zug aus Reitern, Jägern, Hunden, Geistern oder ruhelosen Toten, der besonders während stürmischer Winternächte durch Wälder, über Berge oder durch den Himmel zieht. Hörnerklang, Hundegebell, Pferdegetrappel und heftiges Brausen kündigen ihr Kommen an.
Die Überlieferungen unterscheiden sich regional stark. Als Anführer werden unter anderem Wodan beziehungsweise Odin, Frau Holle, Perchta, verfluchte Adlige, sagenhafte Jäger oder dämonische Gestalten genannt. Neben der Bezeichnung Wilde Jagd finden sich Namen wie Wildes Heer, Wütendes Heer oder im norwegischen Raum Åsgårdsreien.
Frühe mittelalterliche Berichte erzählen bereits von nächtlichen Totenheeren und geisterhaften Reiterzügen. Im deutschen Sprachraum wurde das Motiv später besonders mit den Rauhnächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag verbunden. Während dieser als gefährlich geltenden Schwellenzeit sollte man den Zug weder beobachten noch verspotten oder durch Rufe auf sich aufmerksam machen. Wer seine Regeln missachtete, konnte der Sage nach entführt, verletzt oder mit einer unheilvollen Gabe bestraft werden.
Die Wilde Jagd verbindet Vorstellungen vom Totenglauben, von winterlichen Naturgewalten und von gestörter gesellschaftlicher oder religiöser Ordnung. Das Brausen des Sturms wurde dabei bildhaft als Jagd- oder Heereszug gedeutet. Zugleich vermittelten die Erzählungen Verhaltensregeln für gefährliche Zeiten und Orte.
Die heute verbreitete Vorstellung einer von Odin geführten Geisterschar ist stark durch die mythologische Forschung und Kunst des 19. Jahrhunderts geprägt, insbesondere durch Jacob Grimm. Die Wilde Jagd ist daher nicht als einheitlicher, unverändert überlieferter vorchristlicher Mythos zu verstehen, sondern als Verbindung mittelalterlicher Totenvisionen, regionaler Sagen, christlicher Dämonenvorstellungen und späterer mythologischer Deutungen.
