Die Begriffe Anima und Animus stammen aus der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs. Sie gehören nicht zu den historischen Lehren vorchristlicher Religionen, beeinflussten jedoch seit dem 20. Jahrhundert zahlreiche Strömungen des modernen Paganismus, besonders Wicca, Göttinnenspiritualität und archetypisch orientierte Formen paganer Religiosität.
Jung bezeichnete die Anima als die unbewusste „weibliche“ Seite des Mannes und den Animus als die unbewusste „männliche“ Seite der Frau. Beide verstand er als Archetypen des kollektiven Unbewussten. Sie könnten sich in Träumen, Fantasien, Mythen und religiösen Bildern als innere Gestalten zeigen und würden häufig auf andere Menschen projiziert. Persönliche Reifung bestehe unter anderem darin, solche Projektionen zu erkennen und die dadurch verkörperten Eigenschaften in die eigene Persönlichkeit zu integrieren.
Jung verband die Anima häufig mit Gefühl, Beziehung, Empfänglichkeit und bildhaftem Erleben, den Animus dagegen mit Aktivität, Urteilskraft, Geistigkeit und Durchsetzungsvermögen. Die Begegnung mit der jeweils „anderen“ Seite sollte zur psychischen Ganzwerdung beziehungsweise Individuation beitragen.
Rezeption im modernen Paganismus
Für den modernen Paganismus bot Jungs Psychologie eine Möglichkeit, Gottheiten, Mythen und Rituale als Ausdruck tiefgreifender psychischer Erfahrungen zu deuten. Göttinnen und Götter konnten als archetypische Kräfte verstanden werden, die im Ritual erfahren und in die Persönlichkeit integriert werden. Diese Sichtweise war besonders für Menschen attraktiv, die pagane Religionen praktizieren wollten, ohne alle Mythen als wörtliche historische oder übernatürliche Tatsachen auffassen zu müssen.
In Teilen des Wicca wurde die Polarität von Göttin und Gott jungianisch interpretiert. Die Göttin konnte mit Anima, Natur, Mond und Empfänglichkeit, der Gott mit Animus, Sonne, Bewusstsein und Aktivität verbunden werden. Ihre rituelle Vereinigung symbolisierte dann nicht nur Fruchtbarkeit, sondern auch die Verbindung vermeintlich weiblicher und männlicher Persönlichkeitsanteile.
Eine wichtige Vertreterin dieser Deutung ist die britische Wicca-Autorin und Jungianerin Vivianne Crowley. Sie beschreibt Wicca als einen religiösen Weg der Individuation. Die Begegnung eines Mannes mit der Göttin könne ihm Zugang zu Gefühlen, Intuition und Beziehungsfähigkeit eröffnen, die durch traditionelle männliche Rollenbilder unterdrückt worden seien. Entsprechend könne die Begegnung einer Frau mit dem Gott Selbstbehauptung, Unabhängigkeit und Handlungskraft fördern. Initiationen, Rituale und mythische Darstellungen werden dadurch als Stationen psychischer Entwicklung verstanden.
Auch die amerikanische Autorin und Aktivistin Starhawk war in ihren frühen Werken von jungianischer und archetypischer Psychologie beeinflusst. Später kritisierte sie jedoch die Vorstellung, die schöpferische Energie des Universums müsse grundsätzlich als Polarität von Männlichem und Weiblichem dargestellt werden. Eine solche Symbolik könne die heterosexuelle Paarbeziehung zum kosmischen Grundmodell erheben und andere Formen von Sexualität, Beziehung und Identität an den Rand drängen. Starhawks Entwicklung zeigt beispielhaft den Übergang von einer streng geschlechtlich gedachten Polarität zu vielfältigeren Vorstellungen spiritueller Beziehung und schöpferischer Kraft.
Kritik
Die Anima-Animus-Lehre wird heute vor allem wegen ihres binären Geschlechtermodells kritisiert. Sie setzt voraus, dass es zwei klar voneinander getrennte Geschlechter gibt und dass bestimmte Eigenschaften ihrem Wesen nach männlich oder weiblich seien. Gefühl, Empfänglichkeit und Beziehung werden dem Weiblichen, Vernunft, Aktivität und Autorität dem Männlichen zugeordnet. Dadurch können historisch entstandene Rollenbilder als natürliche oder universale psychische Strukturen erscheinen.
Aus feministischer Sicht ist zudem problematisch, dass Anima und Animus bei Jung nicht vollkommen gleichwertig beschrieben werden. Während die Anima häufig als Muse, Geliebte oder Vermittlerin zur inneren Welt erscheint, wird der Animus stärker mit Geist, Urteil und Autorität verbunden. Traditionelle Machtverhältnisse bleiben damit teilweise erhalten.
Queere, transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Erfahrungen lassen sich in das klassische Modell nur schwer einordnen. Auch die Vorstellung, Männer projizierten ihre Anima vor allem auf Frauen und Frauen ihren Animus auf Männer, orientiert sich an einem heterosexuellen Beziehungsschema. Ähnliche Probleme treten in paganen Ritualen auf, wenn männliche und weibliche Körper oder Priester und Priesterin als notwendige kosmische Gegenpole dargestellt werden.
Aus polytheistischer Sicht wird außerdem kritisiert, dass die Deutung von Gottheiten als Archetypen ihre religiöse Eigenständigkeit verringern kann. Eine Gottheit wird dann möglicherweise nur noch als Bild der menschlichen Psyche verstanden. Ebenso können kulturell unterschiedliche Gottheiten ihre historischen Besonderheiten verlieren, wenn sie pauschal als „Anima“, „Mutter“, „Vater“ oder „Krieger“ eingeordnet werden.
Heutige Neuinterpretationen
Viele gegenwärtige Jungianer und Paganen verwenden Anima und Animus deshalb nicht mehr als fest an Männer oder Frauen gebundene Gegensätze. Sie verstehen die Begriffe stattdessen als Bilder für unterschiedliche psychische Bewegungen, etwa Empfänglichkeit und Aktivität, Beziehung und Abgrenzung, Imagination und Analyse. Andere gehen davon aus, dass jeder Mensch verschiedene Anima- und Animusgestalten oder eine Vielzahl innerer Persönlichkeitsanteile besitzen kann.
Anima und Animus bleiben damit historisch einflussreiche und symbolisch wirksame Begriffe. Im modernen Paganismus halfen sie, Ritual, Mythos und persönliche Entwicklung miteinander zu verbinden. Als universale Lehre über männliche und weibliche Eigenschaften sind sie jedoch kaum noch überzeugend. Als offene Bilder für verdrängte, unbewusste oder ergänzende Seiten der Persönlichkeit können sie weiterhin verwendet werden, sofern ihre zeitgebundenen Geschlechtervorstellungen kritisch reflektiert werden.
