Axis mundi ist ein lateinischer Ausdruck und bedeutet „Achse der Welt“. In der Religionswissenschaft bezeichnet er eine symbolische Weltachse oder Weltmitte, an der verschiedene Bereiche des Kosmos miteinander verbunden gedacht werden. Der Begriff kann auf Weltenbäume, heilige Berge, Säulen, Tempel, Feuerstellen oder andere zentrale Symbole angewandt werden.
Die Bezeichnung ist in der Regel kein historischer Eigenname der untersuchten Religionen. Sie ist vielmehr ein moderner religionswissenschaftlicher Vergleichsbegriff. Besonders bekannt wurde sie durch den Religionshistoriker Mircea Eliade, der zahlreiche religiöse Vorstellungen als Ausdruck eines universalen „Zentrums der Welt“ deutete.
Nach Eliade unterscheidet religiöses Erleben zwischen gewöhnlichem und heiligem Raum. Ein Ort, an dem sich das Heilige offenbart, wird aus seiner Umgebung herausgehoben und zum festen Orientierungspunkt. Die axis mundi verbindet an diesem Ort Himmel, Erde und Unterwelt. Zugleich ermöglicht sie die Gliederung des Raumes und die symbolische Gründung einer geordneten Welt.
Mit der axis mundi verband Eliade auch die Vorstellung der imago mundi, des Abbildes der Welt. Tempel, Städte, Häuser oder Ritualplätze können demnach den Kosmos im Kleinen nachbilden. Ein zentraler Pfahl, Altar, Herd oder Baum bezeichnet dabei nicht lediglich die räumliche Mitte, sondern den Punkt, an dem die kosmische Ordnung gegenwärtig wird.
In der heutigen Religionswissenschaft wird Eliades Modell kritischer beurteilt. Seine vergleichende Methode kann Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Traditionen sichtbar machen, neigt aber dazu, kulturelle und historische Unterschiede zu vereinheitlichen. Ähnliche Bilder müssen weder dieselbe Bedeutung noch einen gemeinsamen Ursprung besitzen. Ein heiliger Baum kann beispielsweise Fruchtbarkeit, Abstammung oder Schutz symbolisieren, ohne als Verbindung mehrerer Welten zu gelten.
Der Ausdruck axis mundi sollte daher nicht als Bezeichnung einer weltweit einheitlichen religiösen Vorstellung verstanden werden. Er ist eine wissenschaftliche Deutungskategorie, deren Angemessenheit für jede einzelne Überlieferung geprüft werden muss. Besonders problematisch ist es, moderne Rituale allein aufgrund ihrer Verwendung eines Baumes, Feuers oder Mittelpunktes als unmittelbare Fortsetzungen vorgeschichtlicher Religionen darzustellen.
Sorgfältig verwendet bezeichnet axis mundi ein wiederkehrendes kosmologisches Muster: die Vorstellung eines ausgezeichneten Zentrums, das verschiedene Ebenen des Daseins verbindet und der Welt Orientierung und Ordnung verleiht.
