A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W Z

Divination

Verfasst von

in

Divination bezeichnet religiöse, magische oder spirituelle Verfahren, mit denen verborgenes Wissen erschlossen werden soll. Der Begriff leitet sich vom lateinischen divinatio ab und verweist ursprünglich auf Erkenntnis, die durch göttliche Mächte vermittelt wird. Im Deutschen werden auch die Begriffe Mantik, Orakelkunst, Wahrsagung oder Weissagung verwendet. Divination betrifft jedoch nicht ausschließlich die Vorhersage der Zukunft, sondern ebenso die Deutung gegenwärtiger Situationen, verborgener Ursachen, göttlicher Absichten oder möglicher Folgen einer Entscheidung.

Grundsätzlich lassen sich zwei Formen unterscheiden: Bei der inspirierten Divination entstehen Erkenntnisse durch Träume, Visionen, Trance, Ekstase oder prophetische Eingebung. Die technische Divination beruht dagegen auf der regelgeleiteten Deutung bestimmter Zeichen, etwa von Losen, Gestirnen, Tierverhalten, Organen geopferter Tiere oder symbolischen Gegenständen. Diese Unterscheidung wurde bereits in der Antike formuliert, unter anderem von Cicero in seiner Schrift De divinatione.

Divinatorische Praktiken sind aus zahlreichen Kulturen bekannt. Im alten Mesopotamien deuteten spezialisierte Priester Himmelserscheinungen, Träume, ungewöhnliche Geburten und die Organe von Opfertieren. Solche Verfahren konnten politische, militärische oder persönliche Entscheidungen begleiten. Im antiken Griechenland spielten Orakelheiligtümer wie Delphi, Traumdeutung und die Beobachtung von Vorzeichen eine bedeutende Rolle. In Rom waren Teile der Divination institutionell in die Staatsreligion eingebunden: Auguren deuteten unter anderem den Vogelflug, Haruspizes untersuchten Tierorgane und außergewöhnliche Naturerscheinungen. Auch die chinesischen Orakelknochen der Shang-Dynastie sowie das später entwickelte Yijing belegen eigenständige und komplexe divinatorische Traditionen.

Mit der Ausbreitung des Christentums wurden viele ältere Orakelpraktiken als heidnisch, abergläubisch oder dämonisch verurteilt. Dennoch verschwanden sie nicht vollständig. Auch in christlichen Zusammenhängen wurden Träume, Lose, zufällig ausgewählte Bibelstellen oder Heiligenorakel zur religiösen Orientierung verwendet. Im europäischen Mittelalter und in der Frühen Neuzeit waren insbesondere Astrologie, Traumdeutung, Geomantie und verschiedene Losverfahren verbreitet. Ihre Bewertung bewegte sich zwischen gelehrter Wissenschaft, religiös zulässiger Vorzeichendeutung und verbotener Magie.

Seit dem 18. und 19. Jahrhundert wurden zahlreiche ältere Praktiken durch Okkultismus, Spiritismus, Theosophie und ritualmagische Orden neu interpretiert. Ein bekanntes Beispiel ist das Tarot. Tarotkarten entstanden im 15. Jahrhundert zunächst als Spielkarten; ihre systematische Verwendung als esoterisches Orakel entwickelte sich erst seit dem späten 18. Jahrhundert. Auch viele heute verbreitete Formen der Runendivination sind moderne Systeme, die historische Runenüberlieferungen mit romantischen, esoterischen und teilweise völkischen Deutungen verbinden. Historisch belegte Runenmagie darf daher nicht mit modernen Runenorakeln gleichgesetzt werden.

Im modernen Paganismus ist Divination weit verbreitet, jedoch keineswegs allgemeinverbindlich. Sie begegnet unter anderem in Wicca, moderner Hexenspiritualität, Druidentum, Göttinnenspiritualität und rekonstruktionistischen polytheistischen Religionen. Verwendet werden beispielsweise Tarot– und Orakelkarten, Runen, Oghamstäbe, Astrologie, Pendel, Würfel, Traumdeutung, Spiegel- oder Wasserschau sowie die Beobachtung von Tieren, Wettererscheinungen und anderen als bedeutsam verstandenen Zeichen.

Die Deutung hängt von der jeweiligen religiösen Ausrichtung ab. Theistisch oder polytheistisch orientierte Menschen können Divination als Kommunikation mit Gottheiten, Ahnen oder Geistern verstehen. Naturreligiöse Ansätze deuten Zeichen teilweise als Ausdruck eines beseelten oder miteinander verbundenen Kosmos. Psychologisch geprägte Praktizierende verwenden Orakel dagegen eher zur Selbstreflexion, zur Strukturierung von Gedanken oder zur Erschließung unbewusster Konflikte. Diese Erklärungsmodelle können miteinander verbunden werden.

Im paganen Ritual kann Divination dazu dienen, günstige Zeitpunkte zu bestimmen, die Zustimmung einer Gottheit zu erfragen, Opfergaben auszuwählen oder die Wirkung einer Handlung zu beurteilen. Häufig wird dabei nicht von einer unveränderlich festgelegten Zukunft ausgegangen. Orakel zeigen vielmehr mögliche Entwicklungen, Handlungsspielräume oder bislang unbeachtete Aspekte einer Situation.

Religionswissenschaftlich wird Divination vor allem nach ihren sozialen und psychologischen Funktionen untersucht. Sie kann Unsicherheit strukturieren, Entscheidungen ritualisieren, religiöse Autorität begründen und komplexe Probleme in symbolischer Form darstellbar machen. Die historische Herkunft einzelner Verfahren muss dabei jeweils gesondert betrachtet werden: Manche besitzen lange Überlieferungslinien, andere sind moderne Neuschöpfungen oder Neuinterpretationen älterer Symbole. Divination im modernen Paganismus ist daher weder eine einheitliche „uralte Tradition“ noch bloß eine freie Erfindung, sondern ein vielfältiges Geflecht aus historischen Praktiken, neuzeitlicher Esoterik und gegenwärtiger religiöser Kreativität.

Weitere Beiträge