Der Glastonbury Goddess Temple ist ein 2002 eröffneter Tempel der modernen Göttinnenreligion in Glastonbury, Somerset. Er gehört zum zeitgenössischen Paganismus und verbindet feministische Spiritualität, Naturverehrung und die mythische Vorstellung Glastonburys als Avalon. Seine Entstehung steht in engem Zusammenhang mit der seit 1996 veranstalteten Glastonbury Goddess Conference und den von Kathy Jones mitbegründeten Ausbildungsprogrammen für Priesterinnen und Priester von Avalon.
Im Mittelpunkt der Verehrung steht die Göttin als schöpferische und die Natur durchdringende Wirklichkeit. Ihre wichtigste lokale Erscheinungsform ist die Lady of Avalon, die mit der Landschaft Glastonburys, seinen Quellen, Hügeln und dem Glastonbury Tor verbunden wird. Diese Vorstellungen beruhen nicht auf einer ununterbrochenen vorchristlichen Tradition, sondern auf einer modernen Verbindung keltischer Motive, mittelalterlicher Avalon-Überlieferungen und gegenwärtiger religiöser Erfahrungen.
Die religiöse Praxis umfasst jahreszeitliche Feste, Meditationen, Gesänge, Prozessionen, Heilungsrituale, Pilgergänge und Zeremonien zu Lebensübergängen. Das religiöse Jahr folgt einem aus acht Festzeiten bestehenden Göttinnenrad. Der Tempel besitzt keine einheitlich festgelegte Theologie oder Liturgie; persönliche Erfahrung und rituelle Gestaltung spielen eine zentrale Rolle.
Religionswissenschaftlich gilt der Glastonbury Goddess Temple als bedeutendes Beispiel für die Institutionalisierung moderner Göttinnenspiritualität. Er hat einen dauerhaft zugänglichen Kultort, eigene religiöse Ämter, Ausbildungswege und internationale Netzwerke geschaffen. Zugleich zeigt er, wie moderne pagane Religionen durch Landschaftsdeutung, Ritualpraxis und bewusste Neubildung religiöser Traditionen entstehen.