Kabbala bezeichnet eine vielgestaltige Tradition der jüdischen Mystik und Schriftauslegung. Das hebräische Wort qabbalah bedeutet „Überlieferung“ oder „Empfangenes“. Vorläufer finden sich in älteren jüdischen mystischen Texten, ihre klassische Gestalt entwickelte die Kabbala jedoch vor allem seit dem 12. und 13. Jahrhundert in Südfrankreich und Spanien. Ihr bedeutendstes Werk ist der im späten 13. Jahrhundert verbreitete Sohar, ein mystischer Kommentar zur Tora. Im Zentrum stehen das Verhältnis zwischen dem unendlichen, letztlich unerkennbaren Gott – dem En Sof – und der geschaffenen Welt sowie die zehn Sefirot, durch die sich das Göttliche offenbart. Im 16. Jahrhundert wurde Safed in Galiläa zu einem neuen Zentrum. Besonders die Lehren Isaak Lurias über göttliche Selbstbegrenzung, das Zerbrechen der Gefäße und die Wiederherstellung der Welt prägten die weitere jüdische Mystik nachhaltig.
Während der Renaissance griffen christliche Humanisten wie Giovanni Pico della Mirandola und Johannes Reuchlin kabbalistische Texte auf. Sie deuteten diese jedoch aus christlicher Perspektive und suchten in ihnen Bestätigungen für christliche Lehren. Diese als christliche Cabala bezeichnete Strömung löste einzelne Begriffe, Zahlen- und Buchstabendeutungen häufig aus ihrem jüdischen religiösen Zusammenhang. Heinrich Cornelius Agrippa verband solche Elemente im 16. Jahrhundert mit Astrologie, Neuplatonismus, Engellehren und zeremonieller Magie. Dadurch wurde die Kabbala in der europäischen Magiegeschichte zunehmend als universelles System geheimer Entsprechungen verstanden.
Im modernen westlichen Okkultismus entstand daraus die häufig hermetische Qabalah geschriebene Form. Besonders der im späten 19. Jahrhundert gegründete Hermetic Order of the Golden Dawn ordnete dem kabbalistischen Lebensbaum Planeten, Elemente, Farben, Tarotkarten, Engel, Götternamen und magische Grade zu. Dieses System beeinflusste unter anderem Aleister Crowley, Dion Fortune und zahlreiche spätere Schulen der Ritualmagie.
Auf den modernen Paganismus wirkte die Kabbala deshalb meist indirekt: über Zeremonialmagie, Okkultorden, Tarot und Teile des Wicca. Kabbalistisch geprägte Korrespondenzsysteme beeinflussten beispielsweise die Zuordnung von Farben, Planeten, Elementen, Himmelsrichtungen und Gottheiten in magischen Ritualen. Dieser Einfluss ist jedoch nicht in allen paganen Traditionen gleich stark; rekonstruktionistische und ethnisch oder regional orientierte Richtungen verwenden solche Systeme oft kaum oder lehnen sie als spätere esoterische Überlagerung ab. Zudem muss zwischen der jüdischen Kabbala als religiöser Tradition und ihren christlichen, hermetischen oder neopaganen Bearbeitungen klar unterschieden werden. Letztere sind eigenständige westlich-esoterische Neuschöpfungen und nicht einfach mit authentischer jüdischer Kabbala gleichzusetzen.
