Lexikon

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  • Taliesin

    Taliesin ist eine zentrale Gestalt der walisischen Literatur und Überlieferung. In seinem Namen verbinden sich ein vermutlich historischer Dichter des 6. Jahrhunderts, eine mittelalterliche Sagengestalt und ein modernes Symbol bardischer Inspiration.

    Der historische Taliesin war wahrscheinlich ein brittonischer Hofdichter im sogenannten Hen Ogledd, dem „Alten Norden“ Großbritanniens. Mehrere ihm zugeschriebene Preislieder besingen Herrscher wie Urien von Rheged und dessen Sohn Owain. Solche Barden bewahrten die Erinnerung an Abstammung, Kriege und politische Bündnisse und trugen zur öffentlichen Legitimation von Herrschaft bei.

    Die wichtigste Textsammlung unter seinem Namen ist das Llyfr Taliesin, das „Buch Taliesins“. Die erhaltene Handschrift entstand im 14. Jahrhundert und enthält Texte unterschiedlicher Zeiten und Verfasser. Neben Herrscherlob finden sich religiöse Gedichte, Prophezeiungen, Rätsel und mythologische Dichtungen. Nur ein kleiner Teil könnte auf einen Dichter des 6. Jahrhunderts zurückgehen.

    Im Mittelalter entwickelte sich Taliesin vom Hofdichter zum überzeitlichen Seher und Urpoeten. In manchen Gedichten behauptet er, zahlreiche Gestalten angenommen und mythische Ereignisse miterlebt zu haben. Er erscheint als Träger verborgenen Wissens und als Stimme, die zwischen Geschichte, Mythos und Anderswelt vermittelt.

    Die bekannteste Taliesin-Erzählung berichtet von Gwion Bach und Ceridwen. Ceridwen bereitet in einem Kessel einen Trank der Weisheit und Inspiration. Drei Tropfen gelangen versehentlich an Gwion, der dadurch Erkenntnis erlangt. Nach einer Verfolgungsjagd mit mehreren Tierverwandlungen wird er von Ceridwen verschlungen, wiedergeboren und schließlich als Kind auf dem Wasser ausgesetzt. Nach seiner Rettung erhält er den Namen Taliesin und wird zu einem wundertätigen Dichter.

    Diese Erzählung wird häufig als Mythos über Inspiration, Verwandlung und Wiedergeburt gedeutet. Der Kessel steht dabei für schöpferische Reifung, die drei Tropfen für konzentrierte Erkenntnis. Eng damit verbunden ist der walisische Begriff Awen, der dichterische Inspiration oder schöpferischen Geist bezeichnet.

    Im modernen Druidismus und keltisch geprägten Paganismus gilt Taliesin als Urbild des Barden. Er verkörpert Poesie, Erinnerung, Wandlung und den Zugang zur Anderswelt. Solche Deutungen sind jedoch moderne spirituelle Lesarten mittelalterlicher Literatur. Taliesin ist historisch weder sicher als Druide noch als Gottheit belegt.

  • Tarot

    Tarot bezeichnet ein Kartensystem, das heute sowohl als Spiel als auch zur symbolischen Deutung und Divination verwendet wird. Seine ältesten belegten Formen entstanden im 15. Jahrhundert in Norditalien. Ursprünglich handelte es sich nicht um ein magisches Orakel, sondern um ein Stichkartenspiel, bei dem gewöhnliche Farbkarten durch besondere Trumpfkarten ergänzt wurden.

    Ein heute verbreitetes Tarotdeck umfasst 78 Karten: 22 Trumpfkarten, die in der Esoterik als Große Arkana bezeichnet werden, sowie 56 Farbkarten, die Kleinen Arkana. Zu den bekannten Motiven gehören der Narr, die Herrscherin, der Tod, der Turm und die Welt. Ihre Bildsprache beruht überwiegend auf spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Allegorien.

    Erst seit dem späten 18. Jahrhundert wurde das Tarot zunehmend mit Wahrsagung, angeblich altägyptischer Weisheit, Kabbala und westlicher Magie verbunden. Besonders einflussreich waren französische Autoren wie Antoine Court de Gébelin und der Kartenleger Etteilla. Die behauptete Herkunft aus dem alten Ägypten ist historisch nicht belegt. Im modernen Paganismus und in der Esoterik dient Tarot vor allem der Divination, Meditation, Selbsterkundung und rituellen Symbolarbeit.