Als Archetypen werden grundlegende Urbilder oder wiederkehrende Muster menschlichen Erlebens bezeichnet. Der Begriff ist besonders mit der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs verbunden und spielt auch in verschiedenen Strömungen des modernen Paganismus eine wichtige Rolle.
Jung unterschied zwischen dem persönlichen und dem kollektiven Unbewussten. Während das persönliche Unbewusste individuelle Erfahrungen und verdrängte Inhalte umfasst, enthält das kollektive Unbewusste nach seiner Theorie allgemeinmenschliche psychische Grundstrukturen. Diese Archetypen prägen, wie Menschen grundlegende Erfahrungen wie Geburt, Tod, Liebe, Elternschaft, Konflikt, Wandlung oder die Begegnung mit dem Heiligen wahrnehmen und symbolisch darstellen.
Der Archetyp selbst ist dabei keine konkrete Figur. Er ist vielmehr eine psychische Anlage oder formende Struktur, die sich in unterschiedlichen archetypischen Bildern ausdrücken kann. Beispiele sind die Mutter, das göttliche Kind, der Held, der Weise, der Trickster, der Schatten oder die Unterweltsgestalt. Solche Motive erscheinen in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Formen, ohne deshalb geschichtlich oder religiös identisch zu sein.
Im modernen Paganismus werden Gottheiten teilweise als Verkörperungen archetypischer Kräfte verstanden. Eine Göttin oder ein Gott kann dann bestimmte menschliche Erfahrungen, Naturvorgänge oder psychische Mächte symbolisieren. Aphrodite kann etwa mit Begehren, Schönheit und Beziehung, Demeter mit Fruchtbarkeit, Fürsorge und Verlust oder Odin mit Ekstase, Erkenntnissuche, Dichtung und Tod verbunden werden.
Die Aussage, Gottheiten seien Archetypen, kann jedoch unterschiedliche religiöse Positionen ausdrücken. In einer psychologischen oder nichttheistischen Deutung gelten Gottheiten als symbolische Gestalten der menschlichen Psyche. Rituale, Gebete und Meditationen dienen dann dazu, innere Kräfte, Konflikte und Lebensübergänge bewusst zu erfahren und zu gestalten. Die Gottheiten müssen dabei nicht als eigenständige übernatürliche Wesen verstanden werden.
Andere Pagane vertreten einen sogenannten weichen Polytheismus. Hier gelten verschiedene Gottheiten als kulturell unterschiedliche Erscheinungsformen tiefer liegender göttlicher oder archetypischer Mächte. Mehrere Liebes-, Mutter- oder Sonnengottheiten können beispielsweise als verschiedene Ausdrucksformen eines umfassenden Grundprinzips betrachtet werden.
Daneben gibt es Auffassungen, nach denen Gottheiten sowohl eigenständige Wesen als auch archetypisch wirksame Mächte sein können. Der Archetyp beschreibt in diesem Fall nicht die Gottheit selbst, sondern die psychische Form, durch die Menschen sie wahrnehmen und erfahren.
Viele devotionale oder harte Polytheisten lehnen es dagegen ab, Gottheiten auf Archetypen zu reduzieren. Sie betrachten die Götter als eigenständige Personen oder Mächte mit individuellen Eigenschaften, Mythen, Kulttraditionen und Beziehungen zu ihren Verehrenden. Aus dieser Sicht ist Athena nicht lediglich ein Symbol für Weisheit und Thor nicht bloß ein Bild für Stärke.
Kritisch betrachtet wird besonders die Gleichsetzung von Gottheiten verschiedener Kulturen. Werden sie lediglich als austauschbare Erscheinungsformen desselben Archetyps verstanden, können historische, regionale und religiöse Unterschiede verloren gehen. Komplexe Gottheiten werden zudem leicht auf einzelne Funktionen wie „Liebe“, „Krieg“ oder „Fruchtbarkeit“ verkürzt.
Das Archetypenmodell kann helfen, die psychologische Wirkung von Mythen und Ritualen zu erklären. Es ist jedoch keine einheitliche Lehre des Paganismus und auch innerhalb der Psychologie umstritten. Wenn Pagane Gottheiten als Archetypen bezeichnen, muss daher jeweils geklärt werden, ob sie damit psychische Symbole, transpersonale Grundkräfte oder eigenständige göttliche Wesen meinen, die zugleich archetypisch erfahren werden.
