Als Od-Kraft, kurz Od, bezeichnete der deutsche Chemiker, Industrielle und Naturforscher Karl Freiherr von Reichenbach im 19. Jahrhundert eine hypothetische, das gesamte Universum durchdringende Naturkraft. Sie sollte von Menschen, Tieren und Pflanzen ebenso ausgehen wie von Magneten, Kristallen, Wärme, Licht, Elektrizität, chemischen Reaktionen und Himmelskörpern. Ein wissenschaftlich belastbarer Nachweis dieser Kraft gelang jedoch nicht.
Reichenbach entwickelte seine Od-Lehre seit den 1840er-Jahren. Ausgangspunkt waren Untersuchungen an Personen, die er als Sensitive bezeichnete. Diese Menschen sollten besonders empfindlich auf Magnetismus, Kristalle und andere Naturerscheinungen reagieren. In abgedunkelten Räumen berichteten sie unter anderem von farbigen Lichtern, Flammen, Nebeln, Wärme- und Kälteempfindungen, Druck oder Kribbeln. Reichenbach deutete solche Wahrnehmungen als Wirkungen einer eigenständigen Naturkraft.
Dem Od schrieb er eine Polarität zu, die dem Magnetismus ähneln sollte. Die Pole eines Magneten, die Enden eines Kristalls und die beiden Seiten des menschlichen Körpers sollten unterschiedliche odische Eigenschaften besitzen. Od könne nach seiner Vorstellung ausgestrahlt, weitergeleitet und auf Gegenstände übertragen werden. Besonders stark sollte es an Händen, Fingerspitzen und Kopf austreten. Reichenbach betonte zugleich, dass Od weder mit gewöhnlichem Magnetismus noch mit Elektrizität, Licht oder Wärme identisch sei.
Der Begriff erschien zunächst auch in der Form Odyle. Reichenbach suchte ein kurzes, leicht mit anderen Wörtern kombinierbares Kunstwort und bildete Bezeichnungen wie „Magnetod“, „Kristallod“ und „Vitalod“. Später brachte er den Ausdruck mit Odin beziehungsweise Wodan und mit Vorstellungen einer strömenden Lebenskraft in Verbindung. Diese Deutung ist jedoch keine historische Überlieferung germanischer Religion, sondern eine neuzeitliche Wort- und Bedeutungsbildung.
Reichenbachs Versuche wurden bereits von vielen Zeitgenossen kritisch beurteilt. Die angeblichen Wirkungen beruhten fast ausschließlich auf subjektiven Aussagen der Versuchspersonen. Objektive Messinstrumente fehlten, und die Versuche waren nicht ausreichend gegen Erwartung, Suggestion und unbewusste Hinweise abgesichert. Unabhängige Untersuchungen konnten die Existenz einer odischen Strahlung nicht bestätigen.
In der modernen Physik, Chemie und Biologie gilt die Od-Kraft daher nicht als nachgewiesene Kraft oder Energieform. Der naturwissenschaftliche Begriff Energie bezeichnet eine messbare physikalische Größe und darf nicht mit esoterischen Vorstellungen von Lebensenergie gleichgesetzt werden.
Kulturgeschichtlich war Reichenbachs Theorie dennoch einflussreich. Sie wirkte auf Mesmerismus, Spiritismus, Okkultismus, Theosophie und frühe parapsychologische Forschungen ein. Später wurde Od häufig mit Aura, Astrallicht, Prana, Qi oder anderen Konzepten einer unsichtbaren Lebenskraft verglichen, obwohl diese Vorstellungen aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Zusammenhängen stammen.
In heutigen esoterischen und teilweise neopaganen Strömungen kann „Od“ als Bezeichnung für persönliche Lebenskraft, rituelle Energie oder wahrgenommene Ausstrahlung verwendet werden. In diesem Zusammenhang besitzt der Ausdruck eine symbolische oder spirituelle Bedeutung. Historisch korrekt ist es jedoch, die Od-Kraft als Theorie des 19. Jahrhunderts und nicht als überlieferte vorchristliche oder germanische Lehre einzuordnen.
