Der Maibaum ist ein europäischer Frühlings- und Gemeinschaftsbrauch. Meist wird Ende April oder Anfang Mai ein hoher, entasteter und geschmückter Baumstamm auf einem Dorfplatz errichtet. Kränze, Bänder, Zweige, Wappen und Zunftzeichen stehen dabei für den Beginn der warmen Jahreszeit, die örtliche Gemeinschaft und die erneuerte Natur.
Historisch ist der Maibaum seit dem Mittelalter belegt. Er gehört zur größeren Gruppe der Festbäume, die zu jahreszeitlichen oder gesellschaftlichen Anlässen aufgestellt wurden. Eine direkte und ununterbrochene Herkunft aus einem germanischen oder keltischen Baum- oder Fruchtbarkeitskult lässt sich dagegen nicht nachweisen. Viele solche Deutungen entstanden erst durch die romantische Volkskunde des 19. Jahrhunderts. Regionale Bräuche umfassen das gemeinsame Aufrichten, Bewachen und Stehlen des Baumes, Maibaumklettern, Tanz und die Aufstellung kleiner „Liebesmaien“.
Im modernen Paganismus ist der Maibaum besonders mit dem Fest Beltane am 30. April beziehungsweise 1. Mai verbunden. Diese Verbindung ist eine moderne Zusammenführung gälischer Beltane-Überlieferungen mit englischen und mitteleuropäischen Maibräuchen. Ein Maibaum als zentrales Element des historischen gälischen Beltane ist nicht belegt.
In heutigen paganen Ritualen symbolisiert der Maibaum häufig die aufsteigende Lebenskraft des Frühlings, Wachstum und die Verbindung von Erde und Himmel. Der Bändertanz kann für die Verflechtung einzelner Menschen mit der Gemeinschaft und den Kreisläufen der Natur stehen. In wiccanisch geprägten Deutungen werden Stamm und Kranz teilweise als Vereinigung männlicher und weiblicher Fruchtbarkeitskräfte interpretiert. Diese Symbolik ist jedoch eine moderne religiöse Auslegung und nicht die gesicherte ursprüngliche Bedeutung des Brauchs.
Fruchtbarkeit wird heute oft weiter verstanden: als Kreativität, persönliche Entwicklung, Gemeinschaft, Heilung oder das Entstehen neuer Vorhaben. Der pagane Maibaum ist daher weniger ein unverändert überliefertes vorchristliches Ritual als eine bewusste moderne Neuinterpretation älterer europäischer Frühlings- und Festbaumtraditionen.
