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Weltenbaum

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Als Weltenbaum wird ein mythischer oder symbolischer Baum bezeichnet, der den Kosmos gliedert, trägt oder seine verschiedenen Bereiche miteinander verbindet. Seine Wurzeln reichen häufig in die Unterwelt oder in die Tiefe der Erde, sein Stamm gehört zur Menschenwelt und seine Krone berührt den Himmel oder die Sphäre der Gottheiten. Der Weltenbaum erscheint damit als Weltachse und als Mittelpunkt einer geordneten Welt.

„Weltenbaum“ ist vor allem ein vergleichender Begriff der Religionswissenschaft. Er bezeichnet keine einheitliche Vorstellung, die in allen Kulturen dieselbe Bedeutung besitzt. Vielmehr werden unterschiedliche Überlieferungen zusammengefasst, in denen ein Baum als kosmisches Ordnungsmodell dient. Eine Weltachse kann außerdem durch einen Berg, eine Säule, einen Tempel oder einen heiligen Pfahl dargestellt werden.

Der Baum eignet sich besonders als Sinnbild des Kosmos, weil er verschiedene Räume miteinander verbindet. Seine verborgenen Wurzeln, der sichtbare Stamm und die zum Himmel wachsende Krone lassen sich mit Unterwelt, Erde und Himmel verbinden. Zugleich verkörpert er Wachstum, Erneuerung und die Abhängigkeit der einzelnen Weltbereiche voneinander. In manchen Überlieferungen ist er Aufenthaltsort von Gottheiten, Ahnen, Geistern oder Tieren; in anderen dient er als Weg zwischen den Welten oder als Ursprung der Pflanzen und Lebewesen.

Das bekannteste europäische Beispiel ist Yggdrasil in der nordischen Mythologie. Der gewaltige Baum verbindet verschiedene kosmische Bereiche und steht zugleich unter ständiger Bedrohung. Seine ausführliche Bedeutung wird im eigenen Artikel Yggdrasil behandelt.

Auch außerhalb Nordeuropas begegnen kosmische Baumbilder. In iranischen Überlieferungen wächst im Weltmeer ein Baum, der die Samen aller Pflanzen enthält. In der indischen Bhagavadgītā erscheint ein umgekehrter Aśvattha-Baum, dessen Wurzeln nach oben und dessen Zweige in die vergängliche Welt hinabreichen. Er versinnbildlicht dort die kosmische Ordnung, aber auch die Bindung an das weltliche Dasein.

Bei den Maya konnte ein großer Baum den Mittelpunkt des Kosmos markieren. Seine Wurzeln verbanden ihn mit der Unterwelt, während seine Krone in den Himmel reichte. Neben dem zentralen Baum konnten weitere Bäume den vier Himmelsrichtungen zugeordnet sein. Der Weltenbaum war hier mit Schöpfung, Herrschaft, Ahnen und dem Übergang zwischen kosmischen Bereichen verbunden.

Nicht jeder heilige Baum ist zugleich ein Weltenbaum. Ein Baum kann wegen seines Alters, seiner besonderen Gestalt, seiner Verbindung mit einer Gottheit oder seiner Bedeutung für einen Kult verehrt werden, ohne den Kosmos abzubilden. Umgekehrt muss auch eine kosmische Weltachse nicht als Baum erscheinen.

Im modernen Paganismus wird der Weltenbaum häufig als Symbol für die Verbundenheit allen Lebens, für die Beziehung zwischen Menschen, Natur, Gottheiten und Ahnen oder als Modell spiritueller Welten verstanden. Solche Deutungen greifen historische Motive auf, verbinden sie jedoch oft mit modernen psychologischen, ökologischen oder esoterischen Vorstellungen.

Der Weltenbaum ist daher kein überall gleiches Ursymbol, sondern eine Gruppe verwandter kosmologischer Bilder. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, dass die Welt aus verschiedenen, aber miteinander verbundenen Bereichen besteht und dass diese Verbindung durch eine lebendige Mitte dargestellt werden kann.

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