Geomantie bedeutet wörtlich „Weissagung aus der Erde“ und bezeichnet ursprünglich eine strukturierte Orakelmethode, die im arabisch-islamischen Raum als ʿilm al-raml, „Wissenschaft des Sandes“, verbreitet war. Dabei wurden Punktreihen zufällig in Sand oder auf Papier gesetzt und anschließend auf gerade oder ungerade Zahlen reduziert. Daraus entstanden sechzehn festgelegte Figuren, etwa Via („Weg“), Populus („Volk“), Fortuna Major („großes Glück“) oder Amissio („Verlust“).
Für eine Befragung wurden mehrere Figuren ausgelost und nach bestimmten Regeln zu einem geomantischen Tableau verbunden. Die Deutung bezog sowohl die Bedeutung der einzelnen Figuren als auch ihre Position in astrologisch geprägten Häusern ein. Im europäischen Mittelalter gelangte diese Form der Geomantie durch Übersetzungen arabischer Schriften in die gelehrte Divinations- und Magietradition.
Davon zu unterscheiden ist die moderne Verwendung des Begriffs für die spirituelle Deutung von Landschaften und Orten. Dazu gehören Vorstellungen von Kraftorten, Erdenergien, Ley-Linien, Radiästhesie oder dem Genius Loci, dem besonderen Geist eines Ortes. Auch Feng Shui wird gelegentlich als „chinesische Geomantie“ bezeichnet, ist jedoch eine eigenständige ostasiatische Raumlehre und kein System der klassischen Sandgeomantie.
Im modernen Paganismus kann Geomantie sowohl als traditionelles Orakelsystem als auch als Form spiritueller Landschaftswahrnehmung auftreten. Manche Praktizierende verwenden die sechzehn geomantischen Figuren, häufig vermittelt durch die westliche Ritualmagie und den Hermetic Order of the Golden Dawn. Andere verstehen darunter eine bewusste religiöse Beziehung zu Quellen, Bergen, Wäldern, Megalithanlagen oder historisch bedeutsamen Orten. Geomantische Praxis kann dabei helfen, Aufmerksamkeit für Landschaft, lokale Geschichte und Naturbeziehungen zu vertiefen. Eine einheitliche pagane Geomantie gibt es jedoch nicht.
Wissenschaftlich sind Vorhersagen durch Geomantie oder die Existenz objektiv messbarer Erdenergielinien nicht belegt. Als symbolische und rituelle Praxis kann Geomantie jedoch der Reflexion, Entscheidungsfindung und religiösen Wahrnehmung eines Ortes dienen.
