Jól — deutsch Jul, angelsächsisch Gēol, gotisch jiuleis — bezeichnet das Mittwinterfest der vorchristlichen germanischen Welt und zugleich die Jahreszeit um dieses Fest herum. Der Name ist heute vor allem als skandinavisches Wort für Weihnachten geläufig (jul, joulu); seine älteste bezeugte Bedeutung ist jedoch eine andere.
Name und älteste Bezeugung
Jól ist zuerst als Monatsname belegt, nicht als Festname. Der älteste Beleg steht im gotischen Kalenderfragment des 4. Jahrhunderts: fruma jiuleis, „der frühere Jiuleis“, also der Monat vor dem eigentlichen Jul-Monat. Dieselbe Doppelung findet sich zwei weitere Male unabhängig:
- Angelsächsisch: Beda Venerabilis nennt im 8. Jahrhundert (De temporum ratione, Kap. 15) zwei aufeinanderfolgende Monate ærra Gēola und æftera Gēola — „früheres“ und „späteres Jul“.
- Altnordisch: jólmánaðr neben ýlir, ebenfalls als Monatspaar um die Wintersonnenwende.
Dass drei voneinander unabhängige germanische Sprachzweige denselben Doppelmonat kennen, ist der stärkste Beleg dafür, dass es sich um eine alte gemeingermanische Struktur handelt und nicht um eine späte Entlehnung. Die Etymologie des Wortes selbst ist ungeklärt — es gibt Vorschläge, aber keine allgemein anerkannte Herleitung.
Der Termin: an den Mond gebunden, nicht an die Sonnenwende
Die germanische Zeitrechnung war lunisolar. Ein Monat begann mit der ersten sichtbaren Neumondsichel, der Vollmond bildete die Monatsmitte. Für Jól ergibt sich daraus eine Regel, die der Religionshistoriker Andreas Nordberg (2006) aus Bedas Angaben rekonstruiert hat und die 2020 im Handbuch The Pre-Christian Religions of the North (Kap. 28) bestätigt wurde:
Der erste Neumond nach der Wintersonnenwende eröffnet den späteren Jul-Monat. Dessen Vollmond ist Jól.
Die Wintersonnenwende fällt also in den früheren Jul-Monat; gefeiert wird im späteren. Weil der Mondlauf gegenüber dem Sonnenjahr wandert, hat Jól damit kein festes Datum, sondern ein Zeitfenster: im heutigen Kalender frühestens der 5. Januar, spätestens der 2. Februar. Der statistische Schwerpunkt liegt um den 20. Januar.
Genau dort liegen auch die überlieferten „Mitwinternächte“ (19.–21. Januar). Nordberg erklärt damit eine alte Ungereimtheit: Wenn Snorri Sturluson Jól mit dem Mittwinter gleichsetzt, beschreibt er den Schwerpunkt eines wandernden Termins — nicht die Regel, nach der er berechnet wurde.
Warum „Jul am 21. Dezember“ nicht die überlieferte Form ist
Die im modernen Heidentum verbreitete Gleichsetzung von Jul mit der Wintersonnenwende folgt dem Achtfeste-Modell des 20. Jahrhunderts (siehe → Jahreskreisfeste). Nach der überlieferten Regel kann Jól der Sonnenwende bis zu sechs Wochen nachfolgen. Beides lässt sich nebeneinander praktizieren — man sollte nur wissen, welchem System man gerade folgt.
Auch inhaltlich ist Vorsicht geboten: Die Quellen beschreiben das Jólblót als Opfer für das Wachstum und, in Nordbergs Formulierung, til árs ok friðar — „für ein gutes Jahr und Frieden“. Ein Mythos von der Wiedergeburt eines Sonnengottes zur Wintersonnenwende ist für den germanischen Raum nicht überliefert; er stammt aus dem modernen Wicca-Motiv des Eichen- und Stechpalmenkönigs.
Dauer
Die Hauptfeste wurden traditionell über drei Nächte begangen. Im achten Jahr des Zyklus (Oktaeteris) verlängerte sich das Mittwinterfest auf neun Nächte — jener Turnus, den Thietmar von Merseburg für Lejre und Adam von Bremen für Uppsala als großes, mehrjährig wiederkehrendes Opfer beschreiben.
Verhältnis zu den Zwölf Nächten
Jól ist nicht identisch mit den → Rauhnächten. Die Zwölf Nächte laufen vom 25. Dezember bis zum 6. Januar und sind an den Sonnenlauf gebunden; sie überbrücken die Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr. Jól dagegen ist ein einzelner, mondgebundener Festtermin, der meist nach dem Ende der Zwölf Nächte liegt. Die beiden Zeiten berühren sich, sind aber verschiedene Dinge.
Was nicht zum alten Jul gehört
Zwei häufige Zuschreibungen sind im Lexikon bereits an anderer Stelle behandelt und seien hier nur verwiesen: Der → Julkranz ist eine moderne Weiterentwicklung ohne Beleg im vorchristlichen Julfest, und der Julleuchter ist eine gezielte NS-Neuschöpfung der SS aus den 1930er-Jahren — kein überliefertes Ritualobjekt. Der → Julbock dagegen ist als Volksbrauch gut belegt, seine Verbindung zu Thors Ziegen bleibt Deutung.
Offene Forschungsfragen
Die oben genannte Vollmondregel ist die derzeit am besten begründete Rekonstruktion, aber nicht die einzige vertretene Position: Friedrich Karl Ginzel setzt den germanischen Jahresbeginn nicht an die Wintersonnenwende, sondern an den Winteranfang im Spätherbst, und gibt der Sonnenwende keine kalendarische Ankerfunktion.
Das ist kein Randstreit: Es entscheidet, ob Jul ein Jahresanfangs- oder ein Mittwinterfest ist. Der Befund lässt beide Lesarten zu.
Quellen (Auswahl): Gotisches Kalenderfragment (4. Jh.) · Beda Venerabilis, De temporum ratione 15 · Snorri Sturluson, Ynglinga saga 8 und Heimskringla · Rimbert, Vita Ansgarii · Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis · Thietmar von Merseburg · Andreas Nordberg, Jul, disting och förkyrklig tideräkning (2006) · Jens Peter Schjødt u. a. (Hg.), The Pre-Christian Religions of the North (2020), Kap. 28 · Andreas E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen · DWDS/Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, s.v. „Jul“ (Etymologie) · Douglas Harper, Online Etymology Dictionary, s.v. „Yule“
Weiterführend: Eine ausführliche Darstellung der Jul-Mondregel samt Schaltmonatsmechanik und Quellenapparat findet sich unter germanischer Mondkalender.
Ein Beitrag von Damian, Artala
