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Galdr

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Galdr ist ein altnordischer Begriff für magischen Gesang, Beschwörung oder Zauberspruch. Der Singular lautet galdr, der Plural galdrar. Das Wort gehört zum Verb gala, das „singen“, „rufen“, „krähen“ oder „beschwörend singen“ bedeuten kann. Im Mittelpunkt steht daher die Vorstellung, dass eine bewusst geformte und vorgetragene Rede nicht nur etwas beschreibt, sondern eine konkrete Wirkung hervorbringt.

In der altnordischen Literatur kann Galdr sowohl eine einzelne gesungene oder gesprochene Formel als auch allgemeiner Zauberei und magisches Wissen bezeichnen. Wie solche Gesänge historisch genau vorgetragen wurden, ist nicht überliefert. Vermutlich spielten Rhythmus, Wiederholung, Alliteration und eine hervorgehobene Sprech- oder Singweise eine wichtige Rolle. Behauptungen über bestimmte Melodien, Tonlagen oder Atemtechniken lassen sich aus den mittelalterlichen Quellen jedoch nicht zuverlässig ableiten.

Ein bedeutendes Beispiel findet sich im Hávamál. In dessen gewöhnlich Ljóðatal, „Aufzählung der Lieder“, genanntem Abschnitt erklärt Odin, achtzehn magische Gesänge zu kennen. Ihre Texte werden nicht vollständig wiedergegeben, wohl aber ihre Wirkungen: Sie sollen unter anderem Krankheiten heilen, Fesseln lösen, Feuer eindämmen, Waffen unwirksam machen, eine Schiffsbesatzung schützen und feindliche Zauberei abwehren. Im Grógaldr trägt die verstorbene Zauberkundige Gróa ihrem Sohn Svipdagr mehrere Schutzformeln für eine gefährliche Reise vor.

Mit Galdr wird das Versmaß galdralag, „Zauberspruchmaß“, verbunden. Es arbeitet häufig mit der Wiederholung oder leichten Abwandlung einzelner Verszeilen. Diese Form eignet sich besonders zur Verstärkung von Flüchen, Schutzformeln und Beschwörungen, ist jedoch nicht ausschließlich auf magische Texte beschränkt.

Galdr konnte mit Runen verbunden sein, war aber nicht mit Runenmagie identisch. Eine gesprochene Formel konnte durch eingeritzte Zeichen ergänzt werden; umgekehrt musste eine Runeninschrift nicht gesungen werden. Die heute verbreitete Praxis, Runennamen langgezogen oder rhythmisch zu intonieren, ist vor allem eine moderne Rekonstruktion und keine sicher belegte wikingerzeitliche Technik.

Auch die Abgrenzung zu Seiðr ist nicht eindeutig. Galdr bezeichnet vor allem den Einsatz von Stimme und Sprache, während Seiðr als umfassendere magische Praxis erscheint, die etwa Weissagung und die Beeinflussung von Menschen oder Ereignissen einschließen konnte. Beide Bereiche konnten sich überschneiden.

In späteren isländischen Quellen wurde galdr zunehmend zu einer allgemeinen Bezeichnung für Zauberei. Begriffe wie galdrabók für „Zauberbuch“ und galdrastafir für magische Zeichen gehören überwiegend zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Buch- und Volksmagie und dürfen nicht unmittelbar auf die Wikingerzeit zurückgeführt werden.

Im modernen nordischen Paganismus bezeichnet Galdr häufig das rhythmische Singen von Runennamen, Gottheitsnamen oder kurzen Beschwörungsformeln. Historisch belegt ist vor allem das grundlegende Konzept einer durch Stimme, Dichtung und verborgenes Wissen wirksamen Sprache. Die konkreten heutigen Melodien und Ritualformen sind dagegen größtenteils moderne religiöse Gestaltungen.

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