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Henochische Magie

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Die henochische Magie ist eine Form westlicher Ritual– und Engelsmagie, deren Grundlagen im späten 16. Jahrhundert aus den visionären Sitzungen des englischen Gelehrten John Dee und des Sehers Edward Kelley hervorgingen. Sie umfasst Engelsnamen, Buchstabentafeln, Siegel, Beschwörungsformeln und eine als heilig oder engelhaft verstandene Sprache. Ihre heute bekannte Gestalt entstand jedoch erst durch spätere Bearbeitungen, besonders durch den Hermetic Order of the Golden Dawn und Aleister Crowley.

John Dee war Mathematiker, Astronom, Astrologe und Naturphilosoph am Hof Elisabeths I. Er hoffte, durch die Vermittlung von Engeln eine ursprüngliche göttliche Weisheit wiederzugewinnen. Diese sollte Erkenntnisse über Religion, Natur, Sprache und die Ordnung der Welt vermitteln. Da Dee selbst nur eingeschränkt visionär begabt war, arbeitete er mit sogenannten Schauern zusammen. Sein wichtigster Partner wurde Edward Kelley, der in Kristallen oder dunklen Spiegeln geistige Wesen, Buchstaben und Bilder wahrzunehmen behauptete. Dee stellte Fragen, sprach Gebete und protokollierte Kelleys Aussagen.

Dee selbst bezeichnete die offenbarte Sprache als Angelical, also „engelhaft“, oder als adamische Ursprache. Die spätere Bezeichnung „henochisch“ verweist auf den biblischen Patriarchen Henoch, der in jüdischen und christlichen Überlieferungen als Empfänger himmlischer Geheimnisse galt. Die henochische Magie stammt jedoch nicht unmittelbar aus den antiken Henochbüchern. Der Name drückt vielmehr den Anspruch aus, eine uralte, vor der Sintflut überlieferte Offenbarungsweisheit wiederherzustellen.

Zu den wichtigsten Bestandteilen des Systems gehört die Heptarchia Mystica, eine Ordnung von sieben himmlischen Königen, Fürsten und weiteren Amtsträgern, die mit den Wochentagen und den sieben klassischen Planeten verbunden sind. Das Liber Loagaeth, das „Buch der Rede Gottes“, besteht größtenteils aus umfangreichen Buchstabentafeln, denen Geheimnisse der Schöpfung zugeschrieben wurden. Viele dieser Zeichenfolgen sind bis heute nicht verständlich übersetzbar.

Bekannter sind die sogenannten Engelsschlüssel oder Rufe. Dabei handelt es sich um feierliche Anrufungstexte in der henochischen Sprache, zu denen auch englische Übersetzungen überliefert sind. Spätere Magier verwendeten sie, um Engel, geistige Bereiche oder bestimmte kosmische Kräfte anzurufen.

Eine weitere zentrale Rolle spielen große Buchstabentafeln, aus denen nach festgelegten Regeln Gottes- und Engelsnamen gebildet werden. Ihre heute verbreitete Zuordnung zu den vier Elementen Luft, Wasser, Erde und Feuer sowie zu vier „Wachtürmen“ geht vor allem auf den Golden Dawn zurück. Sie war in dieser systematischen Form bei Dee noch nicht vorhanden.

Auch die dreißig Aethyre oder Aires gehören zum henochischen Material. Sie werden als aufeinanderfolgende geistige Regionen verstanden, denen bestimmte Herrscher oder Engel zugeordnet sind. Aleister Crowley deutete sie im frühen 20. Jahrhundert als Stufen visionärer Erfahrung und veröffentlichte seine Erlebnisse in The Vision and the Voice. Diese thelemische Interpretation ist einflussreich, stellt jedoch eine eigenständige Weiterentwicklung dar.

Henochische Magie ist ihrem Ursprung nach deutlich christlich geprägt. Dee betete zu Gott, berief sich auf Christus und verstand die angerufenen Wesen als Engel innerhalb einer göttlichen Schöpfungsordnung. Erst spätere Okkultisten verbanden das Material mit Kabbala, Alchemie, Tarot, Elementenlehre und modernen Einweihungssystemen. Einzelne Begriffe, insbesondere die „Wachtürme“, wurden später auch in bestimmte Formen moderner Hexerei und des Paganismus übernommen. Historisch ist die henochische Magie jedoch keine pagane Tradition.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht gilt sie als Beispiel einer Offenbarungstradition. Ihr Wissen beansprucht übermenschlichen Ursprung, wurde jedoch durch mehrere menschliche Vermittlungs- und Deutungsschritte geprägt: Kelley schilderte die Visionen, Dee protokollierte und interpretierte sie, und spätere Magier ordneten die Aufzeichnungen neu. Die henochische Magie ist daher kein einheitlich überliefertes System, sondern das Ergebnis einer mehrstufigen Traditionsbildung zwischen Renaissancegelehrsamkeit, christlicher Engelslehre und modernem Okkultismus.

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